Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1855)
- Date
- 1855-12-03
- Page
- Seite 626 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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626 ben wollen. Der Vorstand soll in seiner Antwort die Opposition Lufgefordert haben, doch ja alle Namen zu nennen, und er har ohne Zweifel dadurch manchen versteckten Gegner in Verlegenheit gebracht, der bloS aufreizl und hetzt, so lange er heimlich agitiren kann. Eine Fractron der Alten soll auch schon eifrig bei der Polizei um Intervention arbeiten, und Herr v. Hinckeldey soll entscheiden, ob dem Orientalen Jekumpurkan der weitere Aufenthalt in Berlin zu gestatten, oder er für immer auszuweisen sei. Daß diese an sich unwichtige Culrusfrage wieder, wie so oft andere religiöse Fragen, vor den Richterstuhl der christlichen Verwaltungsbehörde gebracht wird, das zeigt einen Zustand, auS welchem die traurigsten Betrachtungen entspringen. Nach der Erscheinung der gegenwärtigen Sachlage giebt es auf Seiten des Gottesdienstes kein Judenlhum mehr, sondern Judenrhümer, und zwar so viele Judenrhümer als es jüdische Gemeinden giebr. Berlin, Breslau, Königsberg. Lissa, Magdeburg, Posen, Stettin, Trier und Wesel führen je nach Ansicht ihrer Rabbinate, der Vorstände verschiedene Cultusse ein, und geben dadurch dem Fluche der Diaspora die ganze Fülle seines Begriffes, indem die Synagoge gerade den Inhalt ihrer etymologischen Bedeutung und ihrer Bestimmung ausschließt, d. h. nicht mehr „Versammlung" und Einheit darstellr, sondern Zerrissenheit und Auflösung. Ist das Judenthum auch nicht mehr Herr über uns, so sollte eS doch wenigstens nicht herrenlos, nicht herrenloses Gut sein, sondern ein gemeinsames Nationalgut, auf dessen Boden Verbesserungen nach gemeinschastlicherUebereinkunfr angebracht werden. Gewiß steht jedem Gemeindehaupl, da wir keinen Obersynagogenralh haben, daS Recht zu, den Ausdruck der synagogalen Andacht zu veredeln, aber dieses Recht einseitig auszuüben, dazu bedarf es nicht der hohen Stellung, welche die Berliner Gemeinde innerhalb der gebildeten Welt cinnimmr, i h r Beruf wäre ein höherer: der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlms hätte Berus und Ansehen genug, eine Synode zu veranlassen, zu welcher alle Gemeinden des Vaterlandes Abgeordnete, sowohl Rabbiuen wie Laien, senden würden, die dadurch entstandene Versammlung müßte die EultuSsrage an die Spitze ihrer Verhandlungen stellen, aus ihr würden dann dauernde Bestimmungen und ein maßgebender CulluSrath hervorgehen, und in wenigen Jahren würde ein gemeinsamer, über alle Synagogen verbreiteter Gottesdienst alle jüdischen Gemüther beruhigen. Auf diesem Wege würden gemäßigte Reformen selbst bei den starren Männern des Herkommens Eingang finden, und eS würden die Juden der preußischen Monarchie in einen religiösen Verband treten, wie er längst schon in größern und kleinern Staaten besteht. F. Lt. Berlin, 20. November. tVrivatmitth.) Wenn bei den am vorigen Donnerstag vollzogenen Nachwahlen zur Abgeordnetenkammer der Name deö Dr. Beit fast verschollen war, so darf diese Erscheinung weniger auS dem Gesichtspunkte christlicher AuSschließungS-Gelüste, als auS dem veränderten Eindrücke der persönlichen Stellung erklärt werden. Der vor einem Decennium beliebt gewesene Mann hat jetzt einen engen Kreis von Freunden, in welchen sich seine Popularität zurückgezogen. Der Talmud behauptet von einigen hervorragend Frommen, der Todesengel habe keine Gewalt über sie erlangt, aber sie starben rrn: bv y'aya (cuciov)j auch Veirs öffentliches Leben erblaßte „in Schuld einer Schlange", der Schlange: Neuorthodorie! Seil er von deren Gift angehaucht ist, datiren sich seine Schwankungen und die Mißgriffe, welche an seine Schritte so ungünstige Erinnerungen heften. In der politischen Welt heißt er ein Gothaer, doch ist er kein Almanach de Golüa, denn dieser halt volle zwölf Monate die einmal aufgestellte Meinung fest. Aber sein staatSmännisches Wirken ist noch ein Ausdruck tiefer Weisheit, wenn man eS mit seinem Wirken in der jüdischen Gemeinde seit 1849 zusammenhält. Veit har mir und hinter der neuorthodoren Verwaltung in deren Sinne gehandelt, und sein Schutz munterte sie zu vielen Ausschreitungen auf. Seine Dienstfertigkeit, als Schriftsteller des Vorstandes den verdrängten Rubo zu ersetzen, war meist von Glück entblößt, so namentlich der von ihm verfaßte Protest gegen die Wiedereinführung deS Gesetzes vom 23. Juli 1847. Ueber seine Mitschuld an der unwürdigen Verfolgung der Clique gegen mich dürsten ihm später noch Rechnungen vorgelegt werden, interessant aber ist der neueste Theil seines Benehmens in dieser Angelegenheit: Zur Prüfung derselben in einer Commission beauftragt, erklärte er mit der Miene deS Edelmuthes, er wolle zu meinen Gunsten sprechen, obgleich ich ihn öffentlich angegriffen. Aber zu gleicher Zeit ließ er sich'S gefallen, daß ein anderes Mitglied der Commission, fein Freund, gel-