Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1855)
- Date
- 1855-12-03
- Page
- Seite 623 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225981--14985-3300685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
was nichts anders heißt, als daß Judenthum und Juden auf ewig an den Inhalt des Talmuds gebunden find, seine Glaubenslehren als ewige Wahrheiten anzucrkennen — während fie doch im Talmud selbst meist nur als Ansichten, und oft nicht unbestrittene Ansichten Einzelner ausgesprochen werden — und die aus ihm geflossenen gesetzlichen Bestimmungen als ewige „Verpflichtungen" auszuführen. Weiter. Was ist auf dem religiösen Gebiete „verpflichtend"? Nicht was vom Vater auf den Sohn, nicht was vom Lehrer auf den Schüler, nicht was von Lchrhaus auf Lehrhaus, nicht was von einer Zeit auf die andre übertragen wird — sondern allein was von Gott ist. Den Talmud als „verpflichtend" erklären, heißt ihn als von Gott ausgegangen erklären, lind nun fragen wir Herrn Wise, ob er dieser Meinung ist? Erklärt er „Ja!" — so haben wir gar nichts dagegen. Denn auf dem religiösen Gebiete muß jede Meinung ihre Freiheit haben. Er hat dies dann mit sich, mit dem Talmud selbst, mit der Geschichte und Kritik abzumachcn. Erklärt er aber „Nein!" — so hat er mit Worten gespielt, so war er Diplomat — und das ist auf religiösem Gebiete das Schlimmste. Wie aber die Herren auf Grund dieser „Platform" „Reform" spielen wollen, ist nicht abzusehen, es sei denn, es handle sich wieder nur um ein ^lekum purkan. Die Taschenspiclerei, das Wort des Talmuds zu gebrauchen, um wider seinen Geist und Willen Reformen hcrzustellen, ist aus der Mode gekommen. — Jene Berichte sprechen sich nur über den „Frieden" aus, den man dadurch hcrgcstcllt habe, daß „das amerikanische Judcnthum nun nicht mehr in zwei Läger getrennt sei u. s. f." Ei der Tausend, dieser „Friede" ist sehr wohlfeil, aber man konnte ihn noch wohlfeiler haben, wenn man von jeher still geschwiegen hätte und in den Wegen der Stabilität geblieben wäre. Da wir aber wissen, daß aus vielen amerikanischen Synagogen darum die Orgel nicht hinausgcworfcn, die englischen Gebete nicht entfernt werden, und da wir nicht glauben, daß die amerikanischen Juden sämmtlich wieder zu allen Halachot und Minhagim zurückkehren werden, so fürchte ich, daß es mit diesem „Frieden" nichts ist. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Leipzig, 16. November. (Privatmitth.) Ein Vorfall auf der hiesigen HandlungSfchule verdient einer weitern Verbreitung in jüdischen Kreisen. Ein christlicher Schüler aus Pesth und der Sohn eines getauft ten Juden aus New-Dort hatten einen jüdischen Schüler aus Pesth als Juden beschimpft, und zwar bedienten sie sich einer schmähenden Bezeichnung, wie sie nur die an Fluchformeln reiche magyarische Sprache aufzuweisen hat. Kaum hatte der Direktor Dr. Steinhaus Kenntniß davon erhalten, als er auch beide schmähende Scholaren sofort aus der Schule wies! Erst nachdem die Eltern des Beschimpften von Pesth aus für die AuSgewiefenen sich verwendet hatten, wurden fie wieder unter die Zahl der Schüler ausgenommen. Ueberhaupt ist Dr. Steinhaus ein Mann, der jeder Confefsion gerecht wird, und es ist rühmenSwerth, daß er feine jüdischen Schüler an allen jüdischen Festen vom Besuch der Schule befreit. — In diesen Tagen sind hier „Proben einer hebräischen Uebersetzung deö Koran von H. Reckendorf" erschienen. Der Uebcrsetzer, auS Trebitfch in Mähren, schreibt sehr leicht hebräisch, und gedenkt den ganzen Koran in hebräischer Sprache herauszugeben. —*) Bei den neuesten Stadtverordnetenwahlen gab es wieder einige jüdische Wahlmänner. Auch die sehr conservarive Partei stellte einen Juden als Candidaten auf. Frankfurt am Main, im November. (Privatmitth.) In Nr. 40. d. Zeit. S. 511. heißt es, die erste officielle Consirmalion fei in Kopenhagen 1812 eingeführl worden. Dagegen erlaube ich mir zu bemerken, daß Israel Jacobson schon 1810 in Seesen vier Knaben eonfirmirr hat. Der Acl geschah mit großer Feierlichkeit im Beisein vieler angesehener Personen, und fand allgemeinen Beifall. Ich war als junger Mensch von 17 Jahren zugegen, und erinnere mich der trefflichen Wirkung noch sehr lebhaft. 3. M. Jost. —. Die Familie v. Rothschild hat bei Gelegenheit deö kurz nach einander erfolgten Hinscheidens zweier ihrer Häupter auch den von Dr. I. M. Jost gestifteten und geleiteten Frauen-Verein zur Erziehung elternloser unbemittelter Mädchen in Frank- *) Wir haben darüber schon in Nr. 47. reftrirt, müssen aber gestehen, daß der Ucbersetzer so kleine und unbedeutende Suren als Probe gegeben har, daß man aus diesen einen Schluß noch nicht ziehen kann. Redact. 49*