Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1855)
- Date
- 1855-11-26
- Page
- Seite 615 (sequence 7)
- Language
- German
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615 feiner Gemeinde die Achtung genießen, wie gegentheils mancher Schächter, der nicht Lehrer ist. Ad 2. Daß die Ausübung der religiösen Schächterfunetionen weil entfernt sei, in den israelitischen Lehrern Rohheit oder Fühllosigkeit;u erzeugen, dürste schon aus dem Vorstehenden zur Genüge ersichtlich sein. Doch sei mir in dieser Hinsicht noch Folgendes;u bemerken erlaubt. Es giebt, meines Wissens, keine einfachere, schnellere, schonendere, menschlichere Weise des Viehschlachtens, als die bei den Juden vorschristlich in Gebrauch ist. Da wird das Thier nicht erst auf den Kopf geschlagen oder ins Genick gestochen, ehe ihm der Hals abgeschnitten wird; da wird ihm der Schlund, nachdem er geöffnet, nicht mir dem Messer durchwühlr und durchbohrt, um möglichst viel Blut zu gewinnen, nein, von all dergleichen, oft in der That sehr Empörendem, geschieht nichts; ein einziger, scharfer, wvhlangebrachter Schnitt, und es ist augenblicks todt und strömt all sein Blut aus. Diesem schnellen, möglichst schmerzlosen Acte des Viehtödtens hat die jüdische Religion, indem sie ihn zur religiösen Handlung mit Zeremonien und Segens sprächen erhob, alles Grausame, Herbe und A b st u m p fe n d e benommen, und so wenig in aller Zeit die Tempclpriester durch das Opferschlachten verhärtet wurden, so wenig werden es jetzt die jüdischen Lehrer durch Vornahme des rituellen Schächtens. Die beiden zuletzt dahier und in dem nahen Friedberg in hohem Greiscnalter verstorbenen Vorsänger und Schächter, die in früheren Jahren auch Lehrer gewesen sind, versahen diese Aemtcr in ihren Gemeinden über ein halbes Jahrhundert, schlachteten während dieser langen Zeit allwöchentlich unzählige Stücke großes und kleines Vieh, blieben aber dabei bis an ihr spätes Lebensende weich, zartfühlend und theilnehmend, wie irgend Einer, der niemals einen Tropfen Blutes gesehen hat*). *) Ich finde nichts Sonderbares darin, ,,daß ein Lehrer die Kinder belehrt, kein Thier zu quälen, dabei aber in aller Gemüthlichkeit den armen Thieren den Hals abschneitet." Gott hat einmal dem Menschen die Thierwelt nnterlhan gegeben und ihm den Genuß des Thierflcisches gestattet; da muß es denn doch geschlachtet werden. Wer hierin Thierquälerei erblickt, der müßte allem Fleiscbgenuß entsagen und dürfte auch kein Thier zum Lasttragen und Ziehen gebrauchen, was Alles ihm schwerlich große Lust bereitet. Da lobe ich mir unser Zudcnthum, welches zwar den Fleischgenuß gewisser Thiergattungen erlaubt, dagegen aber nicht jeder Hausfrau oder Hausmagd, nicht jedem gewöhnlichen rohen Metzger das Abschlachten Ad 3. Auch dieser Einwand ist von keiner Bedeutung, zum wenigsten für die unendliche Mehrzahl der kleineren jüdischen Gemeinden, und dürfte in gewissen Fällen höchstens vom Schlachten außerhalb des Schulortes gelten; im Schulorte selbst haben die Lehrer in der Regel mehr als vollkommen Zeit dazu. Die Religionsschule dauert ja höchstens, selbst bei Förderung der Kinder in den Elementargegenständen der Volksschule, die fie besuchen, 4—5 Stunden des Tages; wie kann da von Zeitmangel fürs Schächten die Rede sein? Die christlichen Schullehrer haben eine gewöhnlich fünffach stärkere Kinderzahl in bedingten und unbedingten Lehrgegenständen zu unterrichten, und finden daneben doch noch reichlich Muße zur Besorgung ihrer Ockonomie, der Bureaugeschäfte des Bürgermeisters und andrer geldcinbringenden Verrichtungen. Den schlagendsten Beleg dafür, daß die Schule unter dem Schlachten der Lehrer nicht leidet oder doch nicht zu leiden braucht, liefert eben der Lehrer, der mir Veranlassung zur Erstattung dieses Gutachtens giebt. Wiewohl er seither den dreifachen Dienst des Vorbeters, Lehrers und Schächters versehen, hat seine Schule bei der jüngsten Visitation, wie ich s. Z. die Ehre hatte, Großherzoglichem Kreisamt zu berichten, so ausgezeichnet gut bestanden, wie wenige andere der Provinz, deren Lehrer nicht schächten. Dürften nun hiernach, meines Dafürhaltens, die gedachten drei Anstandspunkte als beseitigt angesehen werden, so ftagt sich's dagegen noch, was denn eigentlich so sehr für die Vereinigung beider Aemter in Einer Person spreche, daß eine Aufhebung oder Modificirung des entgegenstehenden Verbotes als wünschenswerth oder geboten erscheine. Die Antwort liegt nahe. Abgesehen davon, daß dadurch die religiösen Schächterfunctionen in viel würdigere Hände kämen, als gegenwärtig, wo fie zumeist von Privatpersonen oder von den Metzgern selbst ausgeübt werden, die nicht immer mit derselben Gewissenhaftigkeit dabei zu Werke gehen, wie von Rcligionslchrern zu erwarten steht, würden durch sie viele Gemeinden eher und besser in Stand gesetzt, einen tüchtigen Rcligionslehrer aufzunehmen oder den fie bereits haben. besser zu salariren, als dieses gegenwärtig geschehen kann. Mein Rabbinatssprengel zählt 96 Gemeinden mit 9000 und etlichen hundert Seelen,' also durchschnittlich derselben frcigiebt, sondern gewisse vertrauenswürdige Personen beauftragt, es nach Vorschrift so und so und mit religiöser Weihe zu thun. Eorresp.