Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1855)
- Date
- 1855-11-26
- Page
- Seite 612 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Wir fragen: was bleibt, schon nach diesen kurzen Andeutungen, für jene Tradition übrig? Ich glaube, wir müssen es aufgeben, sie als Grundlage der neuern Musik anzusehen. Wie sä-ifchen Soldaten in der französischen Krim-Armee. Die äreli. isrsöl. äe Vr. enthalten folgendes Schreiben: Vor Sebastopol, 10. Oktober 1855. Herr Redakteur! Ich glaube eine Pflicht zu erfüllen, wenn ich Ihre Leihülfe für einige Thatsachen in Anspruch nehme, die unsere zahlreichen Glaubensbrüder in der orientalischen Armee lebhaft interessircn. Vor drei Tagen erwies das 42. Linicnregiment dem Lieutenant Alexander Cahen die letzte Ehre, der in Folge einer Amputation, die eine am 8. September rühmlich erhaltene Wunde nach sich zog, verstarb. Ich kann Ihnen nicht genugsam ausdrücken, Herr Redacteur, wie sehr dieser Officier in seinem Regiment, in dem sich zu gleicher Zeit vier Glieder dieser Familie Cahen befanden, von denen zu jetziger Stunde nur noch zwei, wenn auch verwundet, leben, geachtet war; die beiden anderen haben ihre Schuld gegen das Vaterland mir ihrem Blute besiegelt. So haben auch Alle, die sich der Menge, die sich freiwillig um diesen Lcichenzug drängte, anschloffen, auf seinem ganzen Wege den Ausdruck des Bedauerns, der nicht Gewöhnliches in sich schloß, vernehmen können. Nur aber eine Stimme wurde nicht vernommen, und diese vermißten wir israelitischen Soldaten allesammt gar sehr und unser Herz wurde davon tief verwundet: die Stimme der Religion nämlich. Bedenken Sic, Herr Redacteur, unsere Lage an diesem traurigen Tage. Selbigen Tages, fast zur selben Stunde, begrub man einen Bataillonschcf dieses nämlichen, so schwer heimgesuchrrn 42. Regiments. Die Körper dieser beiden Märtyrer der Soldatenpflicht lagen Seite an Seite in der Baraque, die als Todtenhaus diente, ausgestreckt. Man begann mit der Beerdigung des obersten Ofsiciers; der katholische Priester im Amtsornat war auf seinem Posten; die Ceremonie, obgleich kurz, war würdig und feierlich. Der Priester ging zu Häupten des Leichenzuges, erhabene Worte redend, der Priester befand sich auch am Rande des Grabes, und drückte in einem religiösen Gesänge den Abschied der Menschheit an den guten Menschen, der sich von ihr trennt, und für die Zurückbleibenden die erhabenen Hoffnungen aus. Alsdann kehrte das Leichcngcfolge sogleich zurück, um den andern Sarg zu holen. Da war nichts Geistliches, kein religiöses Embleme, das Vaterland allein ehrte diese Todtenlade, indem dasselbe den Ehrenstern darauf befestigte. Wir waren da in großer Menge beisammen, israelitische Ofsiciere und Soldaten, und wir hätten von ganzem Herzen gewünscht, lex Ceremonie einen Anschein von religiösem Ceremonie! geben zu können; aber unsere Verlegenheit war groß, noch größer aber unsere Beschämung; was mich anbctraf, so stellte ich mir vor, daß man uns für eine Gesellschaft Atheisten, oder höchstens für Anbeter des goldenen Kalbes halten müsse. Eine Schaufel Erde, von jedem Anwesenden hineingeworfcn, und Alles war vorüber*). Indessen haben wir uns Alle nach der Beerdigung in dem Zelte des Lieutenants Theophile Cahen's versammelt, um dort die Gebete vom ersten Tage Succoths zu sagen, nachdem wir die Eingangsthüre dem herrlichen Sonnenuntergänge und den Blicken des ganzen Lagers geöffnet hatten, das wahrhaft gerührt von unserer Frömmigkeit war. Das Andenken des guten und edlen Verblichenen schwebte über dieser melancholischen Scene. Ich glaube, diese einfache Erzählung wird Ihre Aufmerksamkeit auf diese Angelegenheit zu richten im Stande sein, Herr Redacteur. Ein einziger Geistlicher oder höchstens zwei könnten diesen Dienst versehen. Alle übrigen Culten haben deren, die die Kranken besuchen und die Todtcn begraben; weshalb diese Ausnahme gegen den unsrigcn? da viele der Unsrigen schon auf dem Schlachrfelde gefallen oder in den Lazarethen gestorben find? Diese Ausnahme liegt nicht und kann nicht in der Absicht der kaiserlichen Regierung liegen; es handelt sich nur darum, eine Maßregel hervorzurufen, und ich bin überzeugt, daß cs nicht an Ihren Bemühungen bei diesem ftommcn Unternehmen fehlen werde. Nehmen Sie, Herr Redacteur, die Versicherung meiner aufrichtigen Verehrung. vr. Ru eff, Oberarzt beim 9. Bataillon der Jäger zu Fuß. Der Schreiber dieses Briefes ist seit dem Anfänge *) Nun, war denn Keiner unter den „vielen" Juden da, der einen Ks66i8ek sagen konnte? harre Keiner ein kleines Gebetbuch, um die üblichen Gebete zu rccitircn? Fürwahr, dann find diese „Juden", so tapfer sie auch find, wirklich nicht weit von einem Haufen „Atheisten" entfernt! Redact. d. A. Z. d. Jud.