Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1855)
- Date
- 1855-11-26
- Page
- Seite 611 (sequence 3)
- Language
- German
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611 alr-jüdischen Musik des Tempels zu Jerusalem in die katholisch-christliche geltend gemacht. Es liegen mir einige Aushängebogen von ^Vorlesungen über Geschichte der Musik" vor, und die erste derselben behandelt gerade den fraglichen Gegenstand, mit zu Grundclcgung besonders von „Kiescwcrrcr, Geschichte unserer heutigen Musik 1834." Nachdem gezeigt ist, daß unsere Musik durchaus nicht aus der altgrichischen hervorgegangen, daß vielmehr „die neue Musik nur in dem Maße gedieh, als sie sich von den, ihr aufgcdrungcnen griechischen Systemen zu entfernen anfing, und daß sic einen bedeutenden Grad von Vollkommenheit erst dann erreichte, als cs ihr gelang, sich auch noch der letzten Ucbcrblcibscl alrgricchischcr Musik vollends zu entledigen" — wird in folgender Weife berichtet: „Die neue Musik, wenn man sic in ihren ersten Anfängen schon so nennen will, war unbeachtet in niekern Hütten, ja in verborgenen Höhlen entstanden. Kicsewcltcr erzählt, wie in den Versammlungen der ersten Christen, meist armer, schlichter, mit der sehr schwierigen Theorie der griechischen Musik ganz unbekannter Leute, ein höchst einfacher, kunst- und regelloser Naturgcsang entstanden sei, der einstimmig, racilos, die Bewegung nur von der Länge und Kürze der Tcrtsylben entnehmend, aUmälig gewisse Accente, gewisse Betonungen für die Dauer erhalten und in dieser Gestalt durch öfteres Anhörcn in den Gemeinden sich festgcstcllt und fortgcpstanzr habe." „Bei gänzlichem Mangel einer Regel jedoch mußte in dem Maße, als die Gemeinden zahlreicher wurden, die nöthigc Gleichheit und Ncbcrcinstimmung in den Melodien immer schwerer und unmöglicher werden. Im 4. Jahrhundert, als schon Kirchsprcngel und Obcrhirtcn entstanden warau, und Männer von wissenschaftlicher Bildung das Eristenthum angenommen hatten, unternahmen es daher einige gelehrte Bischöfe, den Gesang zu ordnen und fcstzustcllcn." — Indem man diese Zeilen liest, wird man unwillkürlich daran erinnert, daß die Anfänge des Christcmhums in Palästina spielten, daß die „Iudcnchristen" die Gründer der Gemeinden waren, und demnach in diesem „einfachen, kunst- und regellosen Naturgcsang" wohl nichts Anderes als der jüdische Gesang enthalten war, was deutschen christlichen Schriftstellern so schwer wird zuzugcstchcn. Denn man erinnere sich, daß diese gottesdienstlichen Versammlungen (ohne Opfer) mit Gebet, Gesang und Vortrag (Predigt) eine damals seit Jahrhunderten schon bei den Juden bestehende Einrichtung aller Orlen war, und von diesen auf die christlichen Gemeinden übergingen. Gehr man aber weiter in die Geschichte der Musil in den folgenden Jahrhunderten ein, so sicht man aus den Erfindungen und Entdeckungen, die nachher gemacht wurden, daß, selbst wenn jene „Anfänge" nichts anderes als jüdische llebcrlicfcrungcn gewesen, sie in der Thar dennoch nur ein uüiüiumu zu bedeuten Hallen. Ambrosius war cs (gcb. 333.), der einen Typus der Kirchengcsängc cinsührrc, indem er 4 Tonreihcu cinführre und ihnen die Bezeichnung des 2., 3. und 4. Tones gab. (Nämlich: d e f g a h e d — e 1' g a li c d e — f g a li c d e f — g a Ii e d o f gj. G reger der Große (591 —904) fügte diesen noch 4 Tonreihen hinzu, welche aus der Versetzung der vorhandenen in die llntcrauarrc entsprungen waren, die.Tonreihcu von a, li. d. Erst hierdurch war der erste bedeutende Grund für die spätere Tonkunst gelegt. Ebenso stammt von Gregor die Einrhcilung in Oclavcn. Erst Hucbaldus (st. 930.) machte den ersten Versuch einer Harmonie, einer Verbindung mehrerer gleichzeitig auf verschiedenen Tonstuscn erklingenden Stimmen, die er Organum benannte. Noch viel später, durch Guido von Arczzo (1020), wurde die NonrungSwcisc verbessert und unsre Notenschrift angcbahnr. Nach allen diesen Versuchen war cs erst dem 12., 13. und 14. Jahrhundert Vorbehalten, in der Harmonielehre weiter vorzurückcn. Wir heben nur Eines hervor. In den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts begegnen uns zwei Schriftsteller, welche große Fortschritte bewirkt, nicht nur die Lehre von der Mensur weiter ausgcbildct, sondern auch, was Harmonie berrifft, zuerst bcfticdigcndc Regeln gegeben haben. Regeln von solcher Beschaffenheit, daß nach denselben, auch nach unseren heutigen Begriffen, zum ersten Male reine Accorde und reine Harmonicfolgcn gebildet werden konnten. Zum ersten Male erscheint jetzt das Gesetz, daß zwei vollkommene Consonanzen, O-uintcn und Octavcn, nicht in gerader Bewegung auf einander folgen sollen; zum ersten Male erkennt man schon etwas genauer das Wesen der Dissonanzen und die Nothwcndigkcit, dieselben in die nächstfolgende Eonsonanz auszulöscn. Marchettus von Padua und Johannes de Muris, ein französischer Geistlicher und Doctor der Sarbonnc zu Paris, sind die Männer, denen diese Fortschritte auf theoretischem Gebiet zu danken, wenn schon hinsichtlich der praktischen Anwendung ihrer Grundsätze immer noch viel zu wünschen übrig blieb. 48 *