Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1855)
- Date
- 1855-11-12
- Page
- Seite 593 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225978--14952-3300649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und Förderung und für seinm schweren Verlust Trost finden. Zum Schluffe erlauben Sie mir noch, obwohl post festura, eine kleine Berichtigung und Ergänzung Ihres trefflichen Literaturberichtes in Nr. 39. über die neuen jüdischen Kalender und Jahrbücher. Ungern vermißt man darin den illustrirten israelitischen Volkskalender von W. Pascheles, der sehr beliebt ist und den 4. Jahrgang bereits zählt. Es bietet auch dieser Aalender (die Illustrationen find schlecht) Alles, was fürs Leben nothwendig ist, und die als Zugabe angehängte Galerie von jüdischen Merkwürdigkeiten, Gedichte, homiletische Betrachtungen von Arnheim in Glogau, Berichte, Anekdoten u. dgl. u. dgl. enthaltend, wird vom Volke stets freudig begrüßt. Der Aalender ist billig: b'/2 Ngr.! und ist allen kleinen vorzuziehen. D. Oppenheim. Correspondenz. Meine Reisen in Rußland. Von vr. Lilienthal in Cincinnati. (Aus the Israelite.) IX. Wir fuhren äußerst schnell, um den Postwagen wo möglich einzuholen. Da ich von den Leiden der verflossenen Nacht sehr angegriffen war, legte ich mich aus das Stroh in dem Schlitten nieder, und der gutmüthige Fuhrmann bedeckte mich wiederum mit seinem Pelze. Bald schlief ich ein; doch waren wir kaum zehn Meilen gefahren, als der Fuhrmann mich weckte, und ich den Cvndueteur in Begleitung eines Polizerofficianten neben dem Schlitten erblickte. Der Conducteur, eingedenk seiner Verantwortlichkeit, hatte an der nächsten Station angehalten, und der Officiant ward beauftragt, mich zu suchen und jedenfalls auszufindrn. Der Conducteur, welchem auf seine Frage, wen er im Schlitten habe, der Fuhrmann geantwortet hatte: einen Reisenden, welcher fich in letzter Nacht verirrt hätte, umarmte und küßte mich, und schüttelte mir die Hände, wie einem alten Freunde. Als ich ihm auf feine Frage, ob ich noch krank sei, geantwortet hatte, daß ich mich ganz wohl fühle, befahl er dem Fuhrmann, eiligst weiter zu fahren und am nächsten Gasthof zu halten. Dort angelangt, bestellte er Punsch, hieß mich zwei große Gläser davon leeren, welche mich stärkten und erquickten, und eine halbe Stunde später hatten wir unsere alte Gesellschaft wieder erreicht. Die beiden Damen waren ganz untröstlich darüber, daß fie mir zugeredet hatten, die Reise fortzusetzen, die Herren überhäuften mich mit allerhand Fragen, drückten mir ihre Theilnahme aus, erzählten mir, wie fie mich während der langen kalten Winternacht gesucht und daß fie darauf bestanden hätten, ihre Reise nicht fortzusetzen, ehe ich nicht wieder bei ih- Nachdem wir ein gutes Frühstück eingenommen, setzten wir unsere Reise ohne irgend einen Unfall fort. Wir pasfirten die Ebene von Narwa, so hoch berühmt in der Geschichte durch Karl XII.» den ritterlichen Aönig von Schweden, welcher Peter den Großen befiegte, und anstatt die Gelegenheit zu benutzen und das mächtige Rußland und seinen hochftrebenden und ehrgeizigen Czaren zu vernichten, fich eingebildeten Träumen hingab, welche mit dem Falle des schwedischen Königreichs endeten. Freitag Nacht erreichten wir Dorpat, die einzige deutsche Universität in Rußland. Ich erklärte meinen Reisegefährten, daß ich fie nun verlassen müsse, da mir als Juden das Gesetz verbiete, am Sabbath zu reisen. Niemals verläugnete ich vor irgend Jemandem meinen Glauben, und fand stets, daß dies das beste Mittel sei, die Achtung der Welt zu gewinnen. Meine Begleiter drückten mir ihr Bedauern aus, mich schon wieder zu verlieren, und gaben mir ihre Karten, da einige von den Herren in Riga wohnten. Ich blieb den Sonnabend in Dorpat, besuchte die Universität und die Bibliothek, wo man mir ein kleines Buch zeigte, welches in dem Wagen gefunden wurde, worin Napoleon aus Rußland floh und welches die Kosacken erbeuteten. Es war die Geschichte von Plutarch, welcher Lectüre der große Kaiser fich im Wagen hingab, während er seine zahllose Armee in die Wüsten Rußlands führte. Ich verabsäumte, da ich mit der osflciellen Höflichkeitssitte nicht bekannt war, meinen künftigen Chef, den General-Lieutenant Kraftstroem zu besuchen, welcher damals Regent der Universität und der Chef aller höhern und niedern Schulen der drei Provinzen Tiefland, Kurland und Efih. land war. Wie schon ftüher bemerkt, wird in Rußland Alles nach militärischen Regeln und nach militärischer DiSciplin geleitet. Da ich so eben von der deutschen Universität zu München kam, woselbst ich mich der ganzen schulzemäßen Pedanterie der Philosophie und Theologie 46**