Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1855)
- Date
- 1855-11-12
- Page
- Seite 594 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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m hingegeben hatte, konnte ich mich kaum mit dem Gedanken versöhnen, daß mein künftiger Vorgesetzter ein General-Lieutenant sei. Zn Petersburg hatte man mir eine Anekdote von solch einem militairischen Herrn erzählt. Er war seit Jahren der Befehlshaber eines Regiments der kaiserlichen Garden gewesen, in welchem alle Leute gleich groß sein mußten. Als er nun die Bibliothek der Universität besuchte, zu deren Verweser er ernannt war, ging es über seine Begriffe, als er sah, daß große Folianten und Bücher von kleinem Format ftiedlich neben einander auf einem Rücke standen, und der Bibliothekar mußte seine ganze Beredtsamkeit aufbieten, um ihn von der Nothweudigkeit dieses Arrangements zu überzeugen. Aber nicht allein der Regent der Universität trägt militairische Uniform, auch die Studenten müssen sich derselben bedienen. An Wochentagen tragen sie kurze Oberröcke, au welchen die Farbe der Kragen die verschiedenen Facultaten, entweder die philosophische, die me-! dicinische oder die juridische, bezeichnen. Dazu passen die Knöpfe. Sie tragen Hüte mit Cocarden und Degen und dürfen sich nirgends in anderer Tracht zeigen. Die Universität ist vorzüglich, denn mehrere der bedeutendsten; deutschen Professoren find dort angestellt, und viele der i ausgezeichnetsten Professoren an den sechs russischen Uni- : verfitäten find dort gebildet.; Ich verlebte den Sonnabend sehr angenehm, obgleich ' mich der Gedanke betrübte, daß es keinem Juden erlaubt; ist, sich in Litchauen niederzulassen; und mir Anbruch der : Nacht setzte ich meine Reise fort. Damals lernte ich die Art und Weise, in Rußland zu reisen, wesentlich kennen. Da ich keinen eigenen Wagen hatte, mußte ich den Schlitten auf jeder Station wechseln. Mein Koffer diente mir zum Sitz und ich war ohne Schutz in der äußersten Kalle einer Neujahrsaacht. Dennoch schlief ich ein, und Alles ging vortrefflich, als ich plötzlich von meinem Sitz geschleudert wurde und in einen tiefen Schneehaufen versank. Ich erwachte und sah den Kutscher in derselben angenehmen Lage. Wir blickten uns nach den Pferden um, sie standen aber ruhig neben uns; jedoch der Schlitten war auf die Selle geschleudert, und mein Koffer war auf die andere Seite gesiogen. Der Kutscher hatte auch geschlafen; ein anderer Schlitten, welcher an uns vorübergekommen, -Halle uns aus dem Geleise gerissen. Wir .suchten unser Gepäck zusammen, während der Kutscher .fortwährend schrie: „0b twoi mal!“ d. h.: „Warte Du, der Du Deine eigene Mutter schändest'." Die Aussen bedienen sich oftmals dieser scheußlichen Redensart. Ich der- I sprach einst einem Kutscher einen Silberrubel, wen» er mich nur zwei Meilen fahren wollte, ohne diese gemeinen Worte zu gebrauchen; aber wir waren kaum zehn Minuten gefahren, als mein Ohr durch diesen abscheulichen Fluch verletzt wurde. Mein Kutscher schwur, daß er sich rächen wolle, sobald wir einem andern Schlitten begegnen würden, und schnell war er auch wieder in bester Laune, als er einen Schlitten umgeworfen hatte, der unS entgegen kam. Sonntag Nachmittag um zwei Uhr erblickte ich die Thürme von Riga, und alle jene Gefühle der Unbehaglichkeit, der Ungewißheit und Angst, welche uns erfüllen, wenn wir auf unserer Laufbahn an den Pforten einer unbekannten Zukunft stehen, bewegten mir Herz und Seele. Ich hatte von der Abneigung gehört, welche die russischen und polnischen Juden gegen ihre deutschen Glaubensgenossen hegen; ich wußte wohl, welch geringe Meinung sie von ihren Fähigkeiten haben, und für wie sehr überlegen sie sich selbst in dieser Beziehung hallen; ich wußte, daß der „vutsbel“ ein Spottname ist, womit sie ihre innerste Ueberzeugung aussprechen. UeberdieS war meine Sprache Vielen, die ich in Petersburg gesehen hatte, ganz unverständlich, so wie ihr verdorbenes, mit russischen und polnischen Worten vermischtes Kauderwelsch meinem Ohre ganz ftemd klang. Meine Kleidung war nicht die ihrige, und es war mir von Vielen gesagt, daß ein Oberrock, welcher nicht bis an die Knöchel reicht, wie m-tf angesehen wird; und da ich erst dreiundzwanzig Jahr all war, fürchtete ich, daß sie keine Achtung vor mir haben würden, weil sie nur das durch Erfahrung gereiste Alter zu achten gewöhnt find. Ich war ungewiß, in welcher Art sie mich empfangen würden. Aber die flüchtigen Rosse bekümmerten sich weder um meine verzagtt Stimmung, noch um meine Besorgnisse, und um zwei Uhr stieg ich vor dem ersten Hotel in Riga ab. A«z«ige«. Die Lehrer- und Cantorstelle bei der hiesigen jüdischen Gemeinde, welche, wenn die Leistungen den Anforderungen entsprechen, neben freier Wohnung einen Gehall bis zu Dreihundert Thaler einbringen, soll baldigst wieder besetzt werden. Hierauf Reflecttrende wollen ihre Zeugnisse franco an die Unteqchriebeney gelangen lasse«. Dinslaken bei Wesel, im October 1855. % Igeoh L5 SLevy $$$»«