Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1855)
- Date
- 1855-11-12
- Page
- Seite 590 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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590 wesen, daß man beabsichtigt, Hierselbst ein Waisenhaus sür jüdische Waisen der Provinz Westphalen zu begründen, woran aber auch Angehörige anderer Provinzen unter den Bedingungen, welche im Statute näher bezeichnet find, Theil nehmen können. ES hat diese Angelegenheit gegenwärtig einen bedeutenden Schritt zu ihrer Realifirung gemacht, indem von deS Königs Majestät die von dem Vorstande entworfenen Statuten huldreichst bestätigt worden find. Daß dieses Resultat so bald schon erreicht worden ist, verdanken wir zum großen Theile der thätigen und bereitwilligen Unterstützung des Regierungs- Präsidenten Herrn Peters in Minden. ES liegt natürlich im Wunsche deS Vorstandes, das beabsichtigte Institut so bald alS möglich inS Leben zu rufen. Leider sind aber die Beiträge, welche dafür gesammelt werden konnten, noch nicht sehr bedeutend und namentlich find sie in unserer eigenen Provinz sehr spärlich gesioffen. ES ergehet nun hierdurch an alle edle Menschenfreunde der Aufruf, sich durch Gaben bei unserm eben so nützlichen, als nothwendigen Unternehmen zu betheiligen und ihm dadurch zu einer möglichst auSgebreiteten Wirksamkeit zu verhelfen! Den wohllöblichen Vorständen der Synagogen- Gemeinden der Provinz werden, nach . der in der Kürze zu erwartenden Erlaubnis - Ertheilung zur freien Collecte seitens der höhern Behörden, Subscriptions - Listen abermals zugesendet werden, für welche sie sich nach Kräften bemühen mögen! Rühmend müssen wir bei dieser Gelegenheit noch der Familie von Rothschild, deS Herrn B. H. Goldschmidt in Frankfurt a. M. und der Herren G. Oppenheim und Comp, in Cöln erwähnen, die sich bereits mit reichen Spenden betheiligt haben. Ein genaues Verzeichniß sämmtlicher Gaben soll später durch diese Blätter veröffentlicht werden. Berlin, im October. Ein Vermächtniß von 10,000 Thlrn., welches durch die verstorbenen Alerander'schen Eheleute der jüdischen Gemeinde in Berlin zum Zweck der Unterstützung bedürftiger Studenten christlicher und jüdischer Religion und zur Unterstützung jüdischer Armen auSgesetzt worden, hat die Allerhöchste Genehmigung erhalten. Oesterreichischer Kaiserstaat. Aus Ungarn, 26. October. (Privatmitth.) Vor einigen Tagen brachte „der Wanderer" einen Bericht über die in Papa auf ungewöhnlich heftige Art grassirte Cholera und schließt denselben mit dm Worten: „daß sich in dieser Zeit deS Jammers Aberglaube und Vorurtheil breit machten, ist natürlich, und kein Wunder, daß unter den schwer heimgesuchten Juden in dieser höchst tragischen Zeit manche komische Episode stattgefunden." — Ein glaubwürdiger Augenzeuge der letzten Vorgänge zu Papa theilte mir dieselben mit, und ich glaube, dieselben dürfen Ihrem Blatte nicht vorenlhalten werden, daS die jüdische Tagesgeschichte zu liefern, durch so viele Jahre zur Aufgabe hat. Da sich die fortschreitende Partei zu Papa, passive Opposition bildend, ganz zurückgezogm, so find die jüdischen Cultusangelegenheiten Männern anvertraut, welche auf mittelalterlichem Wege eine Bedeutung zu gewinnen suchen. In der Synagoge läßt man fahrende s-rrn ihre klischniggartigen Triller produciren; in den Schulen sungiren die alten Schlages, und auch auf das Innere der jüdischm Häuser sucht man der Art zu influiren, baß auS denfelben jede Spur europäischer Gesittung schwinde. Die unter den Israeliten daselbst schrecklich gewüthete Cholera gab Gelegenheit, sich der verzagten Gemüther zu bemeistern. Ein aus dem Vorstande und den RabbinatSassessoren gebildetes JnquisitionSgericht citirte Mehrere, welche im Verdachte standen, daß selbe am Sabbath Cigarren rauchen — ehrenrührige Familienverhältnisse wurden auf schonungslose Weise verhandelt — und ein jüdischer Lehrer, welcher auf Anordnung deS Arztes nach überftandener Cholera an einem Fasttage eine Suppe genossen, wäre brotlos geworden, wenn der dortige Amtmann sich seiner nicht angenommen hätte. Endlich wurde im Namen des Vorstandes und deS RabbinateS in der Synagoge publicirt, daß allen Nichtorthodoren das riinis aufgekündigt würde!! Den Schluß dieser Posse machte die SubscriptionSsammlung auf die Anstellung deS MattersdorferS Rabbiners, der, wie der Kopf der circulirten Schrift sagt: „ein Mann von Schrot und Korn" ist, und der Sohn des Preßburger Rabbiners zu fein das Glück hat. Die moderne Partei hat zwar, wie selbe sich ausdrückte, gegen die Anstellung eines Rabbiners, welcher nicht die erste Rormalclasse abfol-