Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1855)
- Date
- 1855-11-12
- Page
- Seite 585 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225978--14944-3300641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
585 lehrt, ist kein wahrhaft christlicher Glaube; ein Glaube, welcher das Herz mit Pharisäerstol; erfüllt, ist Schcinglaube, ist eitel Heuchelei. Hütet Euch, Ihr Christen, daß Ihr nicht auf Nichtchristen mit Verachtung blicket! 3hr verbergt da Euern hoffärtigen Sinn unter dem Deckmantel des christlichen Glaubens! Ihr verachtet die Nichtchristen nicht um des Glaubens, sondern um Eurer Hoffart willen." - An einer andern Stelle: „Als der -Kaiser Konstantin sich dem Christcnthum zuwcndcte. da kam über die Christen ein großes, unübersehbares Unheil: sie wurden im römischen Reich die herrschende Partei, und damit zugleich wurden sie verstrickt in die Begierden weltlicher Herrschaft."- „Die List der Herrschaft aber bestand darin, daß man an den christlichen Glauben bürgerliche Rechte und Vorthcile knüpfte und auf diese Weise weltliche, — äußere Vorthcile mit dem himmlischen, ticfinnerlichen Glauben verband. Diese weltlichen Vortheile, diese bürgerlichen Rechte und Vorrechte wurden nun zu Schlingen für die Nichtchristen und die Mitglieder anderer kirchlicher Gemeinschaften; gleich dem Versucher trat man zu ihnen und sprach: „Diese Rechte und Vorrechte werden nur Dein eigen, wenn Du gläubig wirst, wenn Du dieser oder jener Kirche angehörst." So wich der heilige Geist von dem verweltlichten Himmelreiche, und darum vergaß man auch, darauf zu achten und darnach zu ftagen, wie der Apostel: „Habt Zhr den heiligen Geist enrpfangen, da Ihr gläubig geworden seid?" Wohl uns, daß in der neueren Zeit sich das Wehen des heiligen Geistes wieder kund giebt, indem cs immer mehr in die staatliche Gesetzgebung als Grundsatz eindringt: das Glaubensbckcnntniß ist nicht die Bedingung bürgerlicher Rechte und bürgerlicher Ehren. Der Staat bedarf religiöser, d. h. redlicher, rechtschaffener, gewissenhafter Bürger; um so mehr muß er darauf bedacht sein, daß er auch nicht im entferntesten die reine O-uelle der Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit mit irdischem Staub erfülle und verstopfe, daß er auch nicht im entferntesten selbst Unredlichkeit und Gewissenlosigkeit Hervorrufe und befördere. Heil uns, daß in unscrm Lande ein König auf dem Throne fitzt, der einst voll heiligen Geistes den Ausspruch that: „Fast schäme ich mich, einem Lande anzugehören, in welchem Unterthanen noch um Gleichstellung ihrer Rechte bitten müssen!" Je weniger weltliche Vortheile, weltliche Rechte, weltliche Ehren an das Religionsbekcnntniß gebunden find: um so mehr wird die Religiosität zunehmen und innerlich erstarken durch Lauterkeit, Demuth und Sanftmuth; um so mehr wird Heuchelei schwinden und werden Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit gedeihen rc." — Ist es nicht eigcnthümlich, daß die Welt stets, wenn irgend etwas mit besonderer Schlauheit und Kühnheit durchgeführt wird, einen Juden darunter voraussetzt? Der jüngst entlarvte „Prinz Leo von Armenien", der in den höchsten Regionen aller Länder so vielen Anklang gefunden, wurde anfangs für — einen holländischen Juden angegeben, während er und seine Familie (in Java) niemals dem Judenthume anzehört hatten. Nichts ist kurzsichtiger als jene Bourgeoisie, die Alles haben will und Nichts soll's ihr kosten, hier ein wenig, da ein wenig, zumal wenn sie damit eine große Zahl aus ihrer Mitte bcftiedigen zu können glaubt — die Uebrigen mögen zuschen, wie sie fertig werden; die Allem freien Lauf lassen will, jedoch nur bis es ihr unbequem wird, dann ruft sie mit ihrer kreischenden Stimme: „nein! halt! weiter nicht, sonst gehen wir zu Schanden!" Der Herr bewahre in Gnaden den Conservatismus und den Liberalismus vor solchen Freunden — sie richten beide zu Grunde, und haben es schon gethan.... Sicher hat es der alten Orthodorie niemals an richtigem Tact gefehlt, Jahrhunderte im Voraus zu fühlen, was ihr dereinst schaden werde — und wenn sie Mendelssohns „Deutsch-Chummesch" verbrannte, so mag sie ein unrecht und nutzlos Ding gethan haben, aber — ihr Motiv war richtig. Wir führen dies nur als Beispiel an für die Orthodorie aller Religionen. — Zunächst erinnerte uns an alles Dies ein Artikel in der Vossischen Zeitung über das Freimaurerthum. Wir haben hierüber schon mehrfach unsre Meinung ausgesprochen. Wir stehen hierin ganz auf Seiten der kirchlichen Partei. Entweder Ihr seid Freimaurer, oder nicht, Freimaurer, wie Ihr Euch selbst erklärt: „das Freimaurerthum bezweckt einen reinen Mcnschcnbund, eine Verbrüderung aller Menschen ohne Unterschied der Nationalität und des religiösen Bekenntnisses, um dem Narionalhaß und dem religiösen Hader entgegenzuwirken" — dann aber können die Geistlichen als Bekenner des null» salus extra eeelesiam nickt Freimaurer sein. Zu diesem Frcimaurcrtbum bekennt sich die Vossische Zeitung, und ruft dazu die Geister Lcssing's rc. an. Halt, nein! Die Vossische Zeitung meint, einen Schritt weiter, wenn dies das Frei- 46*