Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-11-05 · Heft 45 (5.11.1855) · p. Seite 579

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 45 (5.11.1855)
Date
1855-11-05
Page
Seite 579 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225931-3225977--14937-3300633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

579 formen werden ihr AmtSwerk damit beginnen, die jüdischen Schulen zu zerstören, und für die persönliche Sicherheit zweier besonders ergebenen Lehrer nahm man sogar ausnahmsweise dieserhalb Schutzmaßregeln. Bei der letzten Berathung der Repräsentanten waren eS aber die Reform-Mitglieder gerade, die am wärmsten für die Erhaltung und Förderung der Schulen gesprochen. Man hätte übrigens in diesem Punkte bescheidenere Urtheile von der Neuorthodorie erwarten sollen, denn sie war eS gerade, die mit Zerstörung der Schulen begonnen, und sie war eS, von der so unerhörte Verfolgungen gegen die jüdischen Lehrer gewagt wurden. Die Berichte in öffentlichen Blättern über die von der Partei verübten Lehrer-Verfolgungen sind noch in frischem Andenken, und vielleicht wird diese Feder bald in einem besondern Schriftchen Bilder aus dem jüdischen Berlin vorführen, in denen Personen und Dingen ihr Recht widerfahren soll! — Die feit dem Tode deS vr. Schöneberg unbesetzt gebliebene Stelle eines Armenarztes ist jetzt dem vr. C. Lehfeld übertragen worden, vr. Lehfeld wird als geschickter und in seiner PrariS glücklicher Arzt geschildert und auch sein Charakter atS Mensch wird gelobt. AlS religiöser Jude ist er ehrlich fromm, obgleich er stark mit der Reuorthodorie verbunden und mir einem der lärmendsten Häupter derselben noch verwandt ist. Man sagt, er schreibe am Sabbath kein Recept, sondern gehe selber in die Apotheke, um seine mündliche Verordnung ausführen zu lassen. Diese so seltenstehende (in Berlin vielleicht alleinstehende) Frömmigkeit würde aber manchen armen Kranken zurückhaltend und furchtsam machen, wenn er nicht überzeugt ist, daß sein Arzt tolerant genug und verschwiegen die Lage beurtheilt. Die Besoldung dieser Stelle ist eine verhättnißmäßig geringe, obgleich der Armenarzt der jüdischen Gemeinde seine Hülssbedürftigen in allen Theilen der Ungeheuern Stadt besuchen muß, während den städtischen Armenärzten die Abgrenzung durch Bezirke ihre Pflicht erleichtert. F. Lt. Oesterreichischer Kaiserstaat. Lemberg, im October. (Privatmitth.) Schon wieder ist eine jüdische Celebrität, und zwar in der Blüthe der Kraft, dahingerafft! Hirsch ChajeS, früher Rabbiner in Zolkiew, zuletzt in Kalifch, ist den 9. October allhier, wo er zur Erholung sich einige Wochen aufgehalten, da er das Klima in Rußland nicht vertragen konnte, verstorben, nachdem ihm seine Gattin einige Tage früher, am 22. September, ebenfalls hier plötzlich verstorben war. ChajeS war einer der gründlichsten Talmudisten der jetzigen Zeit, seine Einleitung in den Talmud s-n:r) und andere Schriften zeugen von umfassendem Wissen, von Vertrautheit mit der deutschen Literatur, wenn auch von geringerer Kritik. Er schrieb auch gegen die Rabbinerverfammlung, aber ohne Verketzerung, vom talmudischen Standpunkt, die Synagogenreformen in Wien und Lemberg erklärte er für berechtigt.*) Er stand mit vielen deutschen Gelehrten in Verbindung, und war auch Ihnen, Herr Redacleur, zugeneigl.**) Friede seiner Asche! Lemberg, im October. (Privatmitth.) Es ist eine schwere Zeit. Handel und Wandel liegen darnieder; Mittel sürS Leben steigen mir jedem Tag. Wenn man sich von den Uebeln eine Vorstellung machen will, die das schreckliche Wüthen der Cholera in seinem Gefolge gehabt, muß man die Annalen der fürchterlichsten Hungerjahre nachschlagen. Es ist ein oft beobachterer Charakterzug dieser Seuche, daß sie sich ihre Opfer vorzüglich unter der niedern Classe wählt. Sie hat sich auch diesmal nicht verlaugnet; unsere sehr zahlreiche, aber arme Gemeinde ist arg decimirl. Man wird leicht einsehen, daß bei der herrschenden Thcuerung und Arbeitslosigkeit die Wirtwen und Waisen der an der Cholera Verstorbenen nun dem entsetzlichsten Elende bloß gegeben sind. Die anerkennenswerthcsten Anstrengungen zur Abhülfe der großen Noth sind gemacht, Sammlungen veranstaltet worden; unsere hochherzigen jüdischen Damen haben zwei Procente ihres Schmuckes diesem schönen Zwecke gewidmet; doch ist eS begreifltch, daß bei der bedeutenden Anzahl der Hülfsbedürfligen keinerlei Art der Unterstützung zum Ueberfluß gehört; und wir sind dem bekannten Künstler Herrn Professor Hermann zu größtem Danke verpflichtet, daß er die Halste einer zu wohlrhatigem Zwecke gegebenen *) Dies für das Berliner -i'ri'z., dein Chajcs gewiß überlegen war. Zcb habe das Werk nicht zur Hand, sonst würde ich die Stelle cttircn. Corrcsv. **) Das wissen wir aus mehrfachen Zusckriftcn, und wußten es zu schätzen. Re da er. 45

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.