Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1855)
- Date
- 1855-11-05
- Page
- Seite 575 (sequence 5)
- Language
- German
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Vor Allem muß sich Schreiber dieses vor dem Vorwurf verwahren, als spräche er pro ckomo, da bei uns die Confirmation noch nicht eingeführt ist, und es auf das Einkommen dcS Rabbiners durchaus nicht influenzirt, ob eine Traurede gehalten wird, oder nicht. Es ist diese Bemerkung deshalb an ihrem Orte, weil man leider so oft den Vorwurf hören muß, als hätten die Rabbinen der neuern Zeit für nichts Sinn, als für das, waS ihnen Accidentien bringt, während es doch allgemein bekannt sein sollte, wie gerade die jetzigen Rabbinen zum größten Theile ihre Aufmerksamkeit auf die allgemeinen Bedürfnisse deS JudenthumS richten, und dabei nicht nur uneigennützig handeln, sondern noch mit gar vielen Opfern manche Kämpfe zu bestehen haben. Und gewiß würde jeder Amtsgenosse, der die Anficht des Gefertigten theilt, auf jedes Einkommen durch die Confirmation verzichten, wenn fie zur Einführung gebracht werden könnte. Zur Sache selbst übergehend, gestehe ich von vornhinein zu, daß nicht Jeder, dessen religiöse Großjährigkeit durch den feierlichen Act der Confirmation gefeiert wird, ein guter Israelit bleiben, so wie Jener, der nach der alten Weise seine ßar-mizwah beging, schwächer in seinem Glauben sein werde; nicht minder, daß gerade jene Ehen die glücklichsten seien, die mit einer eindringlichen Ermahnung geschlossen werden; allein wo giebl eS irgend eine Institution, fie mag noch so heilsam sein, die bei Allen eine gleichmäßige wohlthatige Wirkung hervorbrächte? DaS wird aber wohl Niemand läugnen, daß im Allgemeinen zweckmäßige Einrichtungen getroffen werden müssen, und wenn wir auch bei einzelnen keine wohlthätigen Wirkungen wahrzunehmen vermögen, so werden sie doch nie ihres Zweckes verfehlen. Bei dem religiösen Standpunkte Israels in der Gegenwart sind aber derartige Institutionen um so mehr nothwendig, da das alte Band, das in einem gleichförmigen religiösen Verhalten bestand, längst schon zerrissen ist; denn wer wollte die Scala bezeichnen, die von der strengsten Orthodoxie bis zur äußersten Reform ausgestellt werden kann! Herrscht ja selbst in dem Lager der sogenannten Frommen eine sehr große Verschiedenheit in den Ansichten über das, was zur Religion gehört, so daß in der Thar jeder Israelit seine besondere vnn hat, und wo das äußere Band zerrissen ist, da muß das geistige um so fester geknüpft werden, und kaum dürfte im ganzen menschlichen Leben ein geeigneterer Zeitpunkt gefunden werden, auf Geist und Gemüth einzuwirken, und zur treuen Anhänglichkeit an die väterliche Religion zu ermahnen, als beim Eintritt in die religiöse Großjährigkeit. Da kann unstreitig ein tiefer Eindruck gemacht werden, und bei gar Vielen wird noch im spätern Alter das Andenken an die gesprochenen Worte und die empfangenen Eindrücke rege bleiben und vor manchem Fehltritt schützen, insonderheit wenn sich solche Feier öfter wiederholt. Noch mehr aber tritt die Norhwendigkeit der Confirmation beim weiblichen Geschlechte hervor. Dieses ging gewöhnlich von der Kindheit zur religiösen Großjährigkeit ganz ohne Bewußtsein hievon über; ja selbst der Unterricht desselben wurde ganz vernachlässigt, und so finden wir bei dem ältern weiblichen Geschlechte bei vielem äußern religiösen Leben noch so wenig religiöses Bewußtsein und religiöses Wissen. Und schon die Abstellung dieser Uebelstände durch die Confirmation verdient es, daß ihr jeder Einsichtsvolle jeden möglichen Vorschub leiste. Jngleichen verhält es sich mit den Traureden. Es werden sich noch gar Viele erinnern, in welch gesühlverletzender Weise, besonders auf dem Lande, die Ehen geschlossen wurden, so daß eine Judenhochzeit gar oft als Bild zu einer Carricatur dienen mußte, und mit Recht auch dienen konnte. Vergleichen wir damit die erhebende Art und Weise, wie jetzt das Schließen der Ehen begangen wird, so würden wir gewiß Jeden für einen Feind des Judenthums erklären, der in Vieser Beziehung uns wieder zur alten Form zurückführen wollte, und nur dem dabei gesprochenen Worte verdanken wir die edlere Form. Aber auch der Erfolg einer zweckmäßigen Traurede läßt sich nicht in Abrede stellen, und Schreiber dieses kann eS aus der Erfahrung versichern, daß nach Jahren noch mancher Ehegatte dem andern eine Stelle auS der Traurede in Erinnerung brachte, und damit einen drohenden Sturm beschwichtigte. Gerade hier sind die Worte des weisen Königs an ihrem One: Wie goldene Aepfel in silbernen Schalen ist ein Wort geredet an seiner Stelle. Denn gewiß ist daS Wort nirgend besser angebracht, als wo der Mensch ernstlich gestimmt und für gute Eindrücke empfänglich ist. Ein Hauptmoment endlich, das wir nicht außer Acht lassen dürfen, besteht darin, daß wir immer un-