Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1855)
- Date
- 1855-11-05
- Page
- Seite 574 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Sie zerstoben in alle Winde. Frank wurde verhaftet auf einer Wallfahrt-Reise nach Salonik. Als Christen, der sich zu seinem Juden-Anhang hielt und Prvselyten machte, führte man ihn nach Czenstochau an der Warthe. Hier blieb er mehrere Jahre in enger Haft und erhielt feine Freiheit erst wieder, als die Russen diese Festung eroberten. Angefeuert durch den ftüher erlangten Beifall, immer höher strebend, durchzog unser Glücksritter Polen, Böhmen und Mähren, überall seine Religions- Lehre verbreitend. Gleichgesinnte, Anhänger brandschatzte er und trieb nach und nach die bedeutendsten Summen auf, so daß derselbe zuletzt, wie ein Fürst, mit zahlreichem Gefolge reiste. Seine Begleiter, vom Geheimschreiber bis zum Stallknecht, waren ohne Ausnahme getaufte Juden. In Wien, wo Frank 1778 anlangtc, entfaltete er einen Prunk, machte einen Aufwand, das Vermögen eines Privatmannes weit übersteigend. Niemand kannte die Quelle seiner Geld-Zuflüsse und so erachtete die Polizei fir räthlich, den Mann auszuweisen, ohne daß man übrigens sonst was von ihm gefürchtet hätte. Nun — wählte das Oberhaupt der „Nicht-Juden" Brünn zum Aufenthalt und die „Brüder" bedachten ihn so reichlich, daß ihm oft ganze Fässer mit Geld zugeführt wurden. Hier verrichtete Frank seine Andacht stets auf freiem Felde. Er fuhr dahin in prachtvollem Wagen, umgeben mit Reitern, grün und roth, wie Uhlanen gekleidet, von Gold strotzend. An ihren Lanzenspitzen hatten sie als Feldzeichen Sonne und Mond, Adler und Hirsche. Eine ganz eigene Ceremonie fand nach dem Gebet statt: Ein Reiter, der auf stattlichem, mit zahllosen Schellen behangenem Rosse dem Herrn-Wagen gefolgt, goß auf die Bodenstelle, wo das Gebet verrichtet worden war, Wasser aus einem Schlauche. Ein abermaliger Versuch, in Wien den Sitz zu nehmen, lief, dem ersten gleich, ftuchtlos ab. Frank wurde von der Polizei nicht geduldet, obwohl er manche Kunstgriffe anwendete, unter Anderm vorgab, eine Fürstin im Norden unterstützte ihn. Vier Jahre nach erfolgter Niederlassung in Offenbach brach der Tod aufs Unerwarteste alle Verhältnisse. Frank starb plötzlich am Schlagfluß. Dies war der verhängnißvolle Wendepunkt für die Familien-Beziehungen; die Hoffnungen der Kinder gingen nicht in Erfüllung, sie wurden hinabgeschleudert vom Ungemach in Sorgen und Bekümmerniß, sie geriethen in Noch. Die Geld-Zuflüsse versiegten, man war genöthigt, Schulden zu machen. Schwand jede Täuschung mit dem Helden des Schauspiels, oder hatten seine Stellvertreter ihre Rollen nicht zum Besten eingelernt? Die Secte verlor den Halt in Deutschland. Achthundert Menschen betrauerten ihren Schutzherrn, ihren Wohlthäter, dem sie fast göttliche Ehrfurcht erwiesen, der ihnen für unsterblich gegolten. Der letzte, glanzvolle Aufzug war das Leichen-Dcgängniß. Todtenstille herrschte in den Straßen Offcnbach's, obgleich man vom Gewühl fortgedrängt wurde. Voran zweihundert Frauen und Jungftaucn, weiß gekleidet, das Haar durchflochten mit weißen Bändern, brennende Wachskerzen in der Hand. Ihnen folgte die Leiche in rothscidenem Talar mit Hermelin besetzt; den Sarg, ausgeschlagen mit weißem Atlas, geziert mit Gold-Fransen und Quasten, trug die Dienerschaft. Daran schlossen sich, von Wehmuth und Thräncn ergriffen, die drei Kinder, endlich stebenzig Mann Leibgarde und alle männlichen Anhänger der Glaubens-Zunft, brennende Fackeln tragend, die Haare mit weißen Bändern gebunden, an den Armen weißen Flor. Als man die Gruft erreicht hatte, erhob das ganze Geleit ein schmerzvolles Jammergeschrei. Zuletzt warf jeder Anwesende eine Hand voll Erde ins Grab. Ob es gegründet, daß die „Polen-Fürstin", wie man sich erzählte, gedrängt von ihren Gläubigern, bei Nacht und Nebel in Männertracht entfliehen mußte, dies bleibe dahin gestellt." Zeitungsnachrichten. Deutschland. Auö Bayern, im Oktober. (Privatmitth.) Ihr Correspondent aus Hamburg tritt gegen zwei Institutionen der Neuzeit auf, die sich weit verbreitet und überall allgemeine Anerkennung gefunden haben, nämlich gegen die Confirmation und die TrauungSreden. Gewiß muß es jeden Befferdenkenden, der da weiß, wie nothwendig eS ist, neue Institutionen zur Erhaltung und Kräftigung des JudenrhumS zu schaffen, und wie schwer es hält, solche zur allgemeinen Anerkennung zu bringen, tief kränken, wenn in der That die Bahn gebrochen ist, und sich Jeder von dem wohlthätigen Einfluß dieser Institutionen überzeugen kann, sie von solchen Männern angegriffen zu sehen, die sich zu den Männern der Erkenntniß zählen, und darum auch jeden Fortschritt zum Bessern mit Freuden begrüßen sollten, und als solchen halte ich auch Ihren Herrn Correspondenten, eben deshalb, weil er Ihr Correspondent ist.