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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-11-05 · Heft 45 (5.11.1855) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 45 (5.11.1855)
Date
1855-11-05
Page
Seite 573 (sequence 3)
Language
German
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573 es S. 8.: „Wie sehr Humboldt überall nur das Tüchtige suchte, von keinen Vorurtheilen gegen Religion, Rang und Titel befangen war, beweist unter Anderm, daß ein großer Theil der Männer und Frauen, mit denen er in näherm Umgang stand, israelitisch war." — So führte unter Anderm Wilhelm von Humboldt eine vieljährige, sehr vertraute Corrcspondenz mit David Friedländer. — 2n diesen Tagen las ich die Memoiren des rühmlichst bekannten Mineralogen von Leonhard („Aus unsrer Zeit in meinem Leben. Stuttgart, 1854."). Derselbe, in Hanau seine Kindheit verlebend, spricht S. 26. aus eigener Anschauung über den berüchtigten Scctirer Joseph Frank, der in dem nahen Offenbach eine so glänzende, aber kurze (1788 — 1791) Rolle spielte. Er war Schabbathaier, gab Schabbathai Zewi für Christus aus, und betete zu ihm, so Judenthum und Christenthum zugleich belügend. Die Schilderung Leonhard's als eines Augenzeugen ist um so interessanter, als sie auch einiges Persönliche enthält, und folge daher anbei. „In der Zeit, von welcher ich rede, 1788, tauchte im nahen Offenbach die allerseltsamfte, geheimnißvollste Erscheinung auf; sie wurde Brennpunkt der Neugierde, des Erstaunens und hatte in der Thal etwas Phänomenhaftes. Man würde mir vielleicht Unvollständigkeit vorwerfen, wenn ich die Sache aufzuführen vergäße. Mit Bewilligung des Fürsten von Isenburg siedelte sich ein Baron Frank in der Stadt an. Einige nannten ihn Graf, Manche wollten sogar einen Fürsten aus dem Manne machen. Er bezog ein schloßartiges Gebäude, lebte auf glanzvollem, prächtigem Fuße, seine Haus-Einrichtung war die kostbarste, üppigste, die Treppen mit weichen Teppichen belegt; Alles hatte ein festliches Ansehen. Frank hielt sich eine Leibwache und bald mehrte sich das Gefolge, so daß cs bis zu tausend Personen anwuchs, Männer, Weiber, Jungfrauen, Kinder. Seine Anhänger fanden hier einen zuverlässigen Sammelort, freundliche Aufnahme und reichliche Unterstützung. Für Alle trug Frank Sorge, Lllle lebten, ruhig und friedsam, auf ihres Oberhauptes Kosten. Sie bildeten eine kleine, nicht geschäftige, nur genießende Welt; Keiner dieser Menschen trieb irgend einen Nahrungszweig. Schabbathaische Juden, Geschenke bringend, wallfahrteten in Menge aus dem Osten nach Offenbach; die Stadt gewann durch solche Besuche und durch vorübergehende Niederlassungen. Das Ereigniß machte tiefen Eindruck, von Mund zu Munde pflanzte sich die Kunde fort. Wenige Tage gingen vorüber, ohne daß mein Vater nicht Briefe erhielt von Offenbacher Befreundeten; einzelne Wahrnehmungen, Bemerkungen, Vermuthungen wurden mitzetheilt; von Allem wußte Niemand Rechenschaft zu geben. Mit seinen Kindern, einer Tochter und zwei Söhnen, lebte Frank sehr zurückgezogen. Wenigen war der geheimnißvolle Ansiedler zugänglich; in der Regel wurde Niemand vorgelassen, selbst die Blicke Neugieriger suchte er zu meiden. Mit gezogenem Säbel hielten zwei Gardisten am Haus-Einganze Wache, zwei andere vor des Barons Zimmer-Thür; dem Arzt allein blieb ftcier Zutritt gestattet. Uebrigens genossen Vater, Kinder und Anhänger den unbescholtensten Ruf; nie hörte man von Unfrieden mkt den Nachbarn. Sonntags, wenn Frank mit einem Gepränge, jenem der Großen des Orients vergleichbar, zur Messe nach dem Dorfe Bürgell fuhr, zeigte er sich. Jeder bewunderte bei solcher Gelegenheit die gemessene Haltung, das begeisterte, zugleich stolze, gebieterische Wesen; die Miene war streng, unbiegsam, fast bös, man sah, er verstand Achtung und Gehorsam einzuflößen. Lebhafte Erinnerungen bewahre ich von mehreren solcher Feier-Aufzüge. Dom üblichen Kirchen-Gebrauche abweichend, behielt Frank, das Haupt nicht entblößend, sein rothes Mützchen auf. Er betete weder kniecnd, noch stehend, noch sitzend, sondern nach orientalischer Weise, auf den Boden hingestreckt, mit zur Erde gewendetem Angesicht. Ein reicher Teppich wurde ausgebreitet für solche Andachts-Verrichtung. Zur Ergänzung dieser Mittheilung muß ich erzählen, was wir nach und nach über Einzelnheiten aus dem früher» Leben Frank's hörten. Polen war las Hcimathland des Abenteurers. In seiner Jugend trieb er Branntwein - Brennerei und machte sich später als Kabbalist, als jüdischer Geheimniß-Lehrer in der Krim berühmt und in gewissen Gegenden der Türkei. Etwa dreißig Jahre früher, als Frank nach Offenbach kam, wurde von ihm in Podolicn der Schabbathaismus, das judaisirende Christenthum, verkündigt. Man rühmte, daß er nicht gleich seinen Vorgängern, sich durch Gaukelspiel angekündigt, sondern vermittelst der ihm verliehenen Beredungs- und Ucberredungs - Gabe gewirkt. Sein vornehmes Wesen machte ihn geltend, dadurch erhielt er den überwiegenden Einfluß; ganze Gemeinden gingen über. Mit heftigster Erbitterung, wüthig, verfolgten die Rabbinen den Sccten- Häuptling und dessen Anhänger. Strenge Befehle ergingen gegen die neuen Glaubens-Zünftler; selbst Flammentod drohte ihnen. 45*

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