Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1855)
- Date
- 1855-10-29
- Page
- Seite 567 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225976--14924-3300619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
567 der davon erholen; nun, da ich dasselbe Rütteln und Schütteln auf festem Lande erlitt, fühlte ich mich wiederum wie seekrank. Zch versuchte alles Mögliche, um in jenem Gasthause bleiben zu dürfen, allein die Passagiere verlachten meine Muthlosigkeit, ermahnten mich, mit ihnen zu gehen, versprachen mir, unterwegs so oft zu halten, als ich cs wünschen sollte, und die beiden Damen, welche bei der Gesellschaft waren, wandten ihren ganzen Einfluß an, um mich nicht an einem Orte Zurückbleiben zu sehen, wo ich, der ich die russische Sprache nicht verstand, wenn ich wirklich krank werden sollte, mich ohne allen Beistand bcftrnden haben würde. So entschloß ich mich denn, ihnen zu folgen, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß der Kutscher halten müsse, sobald ich cs verlange. Es war dunkel und entsetzlich kalt, als wir unsern Wagen wieder bestiegen. Anderthalb Stunden lang ging cs leidlich; dann bekam ich jedoch wieder einen so entsetzlichen Anfall, daß der Wagen halten mußte. Ich stieg aus und fiel besinnungslos und ohnmächtig zur Erde. Als ich erwachte, waren die Wagen fort und ich befand mich allein in der dunkeln Nacht. Ich hörte noch das schwache Klingeln der Glöckchen an dem Geschirr der Pferde, und begann so schnell wie möglich zu laufen, um sic einzuholen. Doch da ich den Weg nicht kannte, schlug ich eine falsche Richtung ein, und lief, statt den Wagen zu folgen, in den Wald. In meiner Angst achtete ich nicht auf die Beschwerden des Weges; doch nachdem ich länger als eine Stunde vergeblich gelaufen war, fühlte ich mich ermüdet und beängstigt, denn ich war mir der Gefahren meiner Lage vollständig bewußt. Allein war ich in den Wäldern, in der fürchterlich kalten Dcccmbcrnacht; mein Pelz war steif gcftorcn und ich hatte keinerlei Speise in meinen Taschen; ohne Paß, ohne irgend ein gesetzmäßiges Zcugniß; und cs war mir wohl bekannt, wie die russische Polizei mit Landstreichern versährr. Es schneite fortwährend und indem ich vorwärts schritt, sank ich bis über die Knie in den Schnee. Ich blickte umher, ob ich nicht ein Haus entdecken könnte, ob nicht die Strahlen eines gastlichen Lichtes mich aus meiner schrecklichen Lage leiten möchten. Aber nur unermeßliche Schnecftlder, mit beeisten Baumstämmen bedeckt, glänzten mir entgegen, Wüsten, in denen hungrige Wölfe heulend umherirrtcn. Es war zehn Uhr, ich hatte eine lange, schreckensvolle Winternacht vor mir, und keine andere Wahl, als weiter zu gehen, um dem Erftieren zu entrinnen. Wie ich später erfuhr, hatten meine Gefährten währenddem ihre Wagen verlassen, und suchten voller Angst nach mir; der Conducteur, welcher für alle Passagiere, die unter seiner Leitung stehen, verantwortlich ist, war in größter Bcstür;ung7"er wußte nicht, was er machen sollte; er ritt nach dem nächsten Dorfe und holte Dauern mit Pechfackeln, um nach mir zu suchen; die Damen schrieen und weinten bitterlich, und alles wurde versucht, um mich aufzufindcn. Doch nachdem ich ohnmächtig geworden war, Halle ich eine falsche Richtung eingeschlagcn, und gegen Mitternacht fühlte ich meine Kräfte schwinden. Ich ftor entsetzlich, und konnte kaum noch weiter. So setzte ich mich denn nieder, und sprach mit einer bis dahin nie empfundenen Andacht mein Maariv-Gebet. Wäre ich jedoch fitzen geblieben, so würde ich eingeschlafen sein, und die Furcht, zu erfrieren, rief meine letzten Kräfte wach. 2ch dachte an Hagar's Wanderung durch die Wüste, und erinnerte mich einer Erklärung, daß, wenn sie sich nicht der Derzweiflung hingegeben, sondern ihren Weg muthig fortgesetzt hätte, sie die Wasscrguelle gefunden haben würde, die so nahe floß, und ihr dann der Schmer; erspart worden wäre, ihren einzigen Sohn verschmachten zu sehen. Ich schöpfte Muth aus dieser Betrachtung und setzte, nachdem ich zehn Minuten geruht, meinen hoffnungslosen Weg fort. So schleppte ich mich bis zwei Uhr Morgens fort, durch den bodenlosen Schnee, da begann mir die Nase zu bluten, und ich ward wiederum ohnmächtig. Als ich zu mir kam, strengte ich alle meine Kräfte an, um weiter zu gehen, doch bemerkte ich bald mit Schrecken, daß ich schon seit mehreren Stunden immer im Kreise herumgegaugen war. Ich schlug nun eine andere Richtung ein und nachdem ich wiederum eine halbe Stunde gegangen war, fühlte ich mit Entzücken, daß ich festen Boden unter mir hatte, woher ich vermuthete, daß ich wieder auf der Landstraße sei. Ich schlug jedoch, statt nach Riga zu gehen, den Weg rückwärts nach Petersburg ein und ging weiter bis um vier Uhr Morgens, ohne irgend Jemandem zu begegnen. Die Kälte hatte bedeutend zugenommcn, ich fühlte Fieberschauer durch meinen Körper ziehen, ick konnte nicht mehr weiter. Ich war froh, einen großen Stein zu finden, auf welchen . ich mich niedcrsctzte und das Sterbegebct sprach. Ich gedachte meines lhcurcn alten Vaters, meiner Brüder und Schwestern, meiner geliebten Braut, und fühlte mich entsetzlich unglücklich, so sterben zu müssen, ohne Einen von Denen wiedcrzuschcn, die mir thcurer als 44* *