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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-10-29 · Heft 44 (29.10.1855) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 44 (29.10.1855)
Date
1855-10-29
Page
Seite 562 (sequence 6)
Language
German
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562 tung. ES ist ein strafender Finger der Nemesis, der sich jetzt in den Spalten der Zeitung gegen die ver, ächtliche Partei der Neuorthodorie dreht, die jetzt gegen das eigene Fleisch wüthet, und während der eine Häuptling für die Reform deS Vorstands gewonnen ist, führt der andere die Gegner ins Feld, und dieselbe Feder, welche im Aufträge der Partei im vorigen Jahre Schmutz und Gift gegen ehrliche Leute spritzte, die spritzt jetzt an derselben Stelle ähnliche Masse gegen die gewesenen Waffenbrüder. So mußte sich zum Heile der Gemeinde endlich die Rotte der Neuorthodorie entlarven durch Abfall nach Innen und nach Außen, und die belehrte Welt hält sich überzeugt, daß, wenn dem einen Häuptling in Erfurt die Apostasie leicht war, so wäre sie andern Häuptlingen in Berlin nicht schwer, der Köder muß nur zusagen.!l727> 303 03m Nt Der Einfluß der Neuorthodorie auf die Sitten der Gemeinde war ein unheilvoller, unter ihren Anhängern war Gemeinheit Hcldenthat geworden, wilde Intoleranz eine Tugend, Lüge eine Weltklugheit, hämische Bosheit und niedriger Haß Beweise des religiösen Sinnes, daher gemachter Fanatismus, Denuncialion, Verfolgung und Proselytenmacherei, und zu einer Zeit, wo es galt, christlichen Judenfeinden dre letzten Waffen der Intoleranz zu entwinden, traten die neuorlhodoren Judenfeinde auf und schmiedeten ihnen die Waffen scharfer wieder. Der unter wechselnden Formen wieder hervorlretende Judenhaß der germanisch-pieriftischen Partei in Berlin steht in nahem Verhältnisse zu den Wirkungen des Einflusses der Neuorthodorie auf den Ruf der Gemeinde und der Juden überhaupt, man hat von jener christlichen Richtung aus gern die sittlichen Ausschweifungen der jüdischen Neuorthodorie gesehen, und eilte, den Namen der ganzen Judenheir damit zu beflecken. Die Neuorthodorie war ja ein Luftrum lang der „Kern der Gemeinde", und sie empfangt erst jetzt nach dem Wechsel der Verwaltung und der Gesinnung von weiland Freundesmunde den süßen Namen „Pöbel"! her esn: Tpss F. Lt. Berlin, im Oktober. (Privatmitth.) Die Flamme der Begeisterung für Aufrechrhaltung der Glaubensfreiheit ist — Slrohseuer gewesen, wie wohl alle Flammen unsrer Zeit im Volke nichts anderes sind. Von der Wahl deS vr. Veit in die Abgeordnetenkammer, obschon so viele Nachwahlen statt finden werden, ist keine Rede mehr. — Dagegen brennt daS Feuer um den Altarraub der Piutim in der großen Synagoge noch immer fort. Die „Eingesandts" der Vossischen Zeitung find die Strohbündel und Holzscheite, die hineingeworfen werden, um eS zu nähren, eine Petition an den Vorstand, doch den alten Schlendrian wieder herzustellen, ist der Blasebalg, der eS anschüren soll. Man hält den vr. Sachs für das Sebastopol dieses Kampfes, das dem mulhigen Angriff der Alliirten nicht widerstehen und endlich fallen würde. So sehen die Neuerungssüchligen in Dr. Sachs einen zweideutigen Bundesgenossen, die Orthodoxen einen Abtrünnigen! Viersen, l l.October. (Privarmitth.) Am 9. dieses verschied dahier an einer langjährigen Unterleibskrankheit der Lehrer Jacob LiffgcnS in einem Alter von 37'Jahren, nachdem er 16 Jahre als Lehrer in verschiedenen Gemeinden und zuletzt hier, wohin auch seine Eltern vor längeren Jahren gezogen waren, zum Segen sungirt hatte. Liffgens halte seine Ausbildung in der Haindorf'schen Anstalt zu Münster erhalten und zählte zu den tüchtigsten aus dieser Anstalt hervorgegangenen Lehrern. Mit gründlichen theoretischen Kenntnissen, die er noch stets, trotz seiner Krankheit, zu vermehren strebte, verband er eine praktische Lehrfähigkeit, wie sie nur wenige Lehrer besitzen. Seine Schule konnte stets — selbst auch bann noch, als die Aerzte der medicinischen Facullät zu Bonn seine Krankheit für unheilbar erklärt hatten, — als eine Mufterschule betrachtet werden. Treue als Freund, Treue und Tüchtigkeit im Berufe mit solcher anspruchslosen Bescheidenheit gepaart, daß auch die Slümperhaftigkeit, wo diese ihm auch sich spreizend entgegentrat, nie von ihm zurückgewiesen oder beleidigt wurde, gehören zu den Tugenden, die ihn zierten. Daher haben nicht nur seine Familie und Gemeinde, sondern auch der ganze jüdische rheinische Lehrerstand durch seinen Tod einen herben Verlust erlitten. Am 11. wurde seine Leiche zu Grabe getragen. Ein großer Zug begleitete sie dahin. Am Grabe sprach Lehrer Wolfsdorf aus Anrath eine kurze Leichenrede, worin derselbe in schlichten Worten die Verdienste deS Verewigten hervorhob. Die benachbarten Freunde und Collegen fehlten, da man es unterlassen, ihnen von dem Hinscheiden oder der Beerdigung eine Anzeige zu machen.

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