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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-10-22 · Heft 43 (22.10.1855) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 43 (22.10.1855)
Date
1855-10-22
Page
Seite 549 (sequence 5)
Language
German
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549 eorrect und fest zu Gehör bringen. Aber, wenn die Musik, die in uns steckt, einzeln selten, und volkSthümlich fast nie in die Erscheinung tritt, so können wir Nichts desto weniger auf gutem historischen Grunde uns als die Erzeuger und Ammen der heutigen ausgebildeten Musik betrachten, da kein einziges der übrigen Culturvölker, auS denen Europa geistig stammt, ja wahrscheinlich gar kein Volk des AlterthumS der Musik die hohe Stellung angewiesen hat, als das Volk Israel. WaS ist Phödus Apollon und alle Musen, die den Menschen den Gesang lehren, gegen einen Gott, dem man — fast alle Psalmen und viele andere Bibelstellen bezeugen das, nicht den Bau eines neuen Tempels und Altars, nicht Hekatomben, nicht neue Bußkasteiungen, sondern-,,ein neues Lied" verspricht, den man zu gewinnen glaubt, wenn man ihm neue Rhythmen, neue Instrumente angelobt, zu dem man singt in der Nacht wie am Tage, allein wie in den Chören, bei Freude und beim Schmerz, und den sogar in seinem Himmel ein Sängerchor ewig umspielt. Wie tief muß nicht das Gemüth, nicht eines Einzelnen, nein, eines ganzen ewigen Volkes von dem Werthe der Tonkunst durchdrungen sein, das sich zu solchen Anpreisungen erhebt! Kaum haben David, Salomo, ESra einigermaßen festen Fuß gefaßt, da sorgen sie gleich für musikalische Sängerbrigaden, und dem gegenüber jammert und schmachtet das Volk in seiner tiefsten Erniedrigung — und dieser Ton geht durch alle seine Dichtungen über zwölf Jahrhunderte hindurch — beständig nach der Wonne: ein neues Lied zu singen in den Vorhöfen seines Gottes, und die Chöre der Tempelsänger wieder in Function zu sehen. Und berühmt waren sie, diese Gesänge von Zion, sonst könnte der Psalmist nicht bezeugen, daß das erste, was die triumphirenden Feinde von den gefangenen Leviten verlangten, der Gesang von Zion gewesen sei. Kunstlose Barbarenmusik kann daS unmöglich gewesen sein; denn bei solchen enormen Chören und Capellen, die fast nichts anderes zu thun haben, als zu musiciren, müssen Accorde, Rhythmen, Harmonien, Tacteintheilungen, dynamische Bestimmungen, ja Modulationen, Fugen, Orgelpunkle u. s. w. mit der Zeit von selbst entstehen. Erzählt ja sogar der späte Kohelet von Chören von Sängern und Sängerinnen. — Doch die Antwort: „wie sollen wir die Gesänge unseres Gottes singen auf fremdem Boden?" sie entschied, und in der Zersplitterung erlosch alle eigenthümliche Musik, wissenschaftliche wie volkSthümliche, und jeder einzelne VolkSsplitter nahm die Weise deS Landes an, wohin er gesprengt war — — in einem solchen Grade, daß heutzutage sogar noch polnisches Chasanut vom deutschen grundverschieden klingt. Aber es war schon vorgesorgt, daß auch dieser von unseren Vorfahren entzündete Funken nicht verloren gehe, daß er vielmehr zur leuchtenden Flamme, zum herrlichen Regenbogenmeer werde; denn die ganze moderne Musik in allen ihren Zweigen schreibt ihren Ursprung der päpstlichen Capelle in Rom zu, und diese rühmt sich, von Alters her die Melodien des Tempels zu Jerusalem von ihrer Gemeinde der römischen Judenchcisten überkommen und forrgepflanzr zu haben. In diesem Sinne ist die Musik allerdings eine jüdische Kunst zu nennen, und so wird auch der gegenwärtige Besitzer dieses NationalgutS in billiger Denkungsweise dem ehemaligen Eigenrhümer seinen Titel und historischen Anspruch gönnen, wenn derselbe an der Bewirthschaflung eifrig und thälig mitarbeitet. Hindus, Aegypter, Assyrer, Griechen, Mericaner, haben sich, jede Nation in ihrer Weise, der Ausbildung der Gestalt, deS Plastischen, des Dramatischen gewidmet; aber die Juden konnten sich nur der Ausbildung deS Gesanges und der Musik ergeben. Warum daS? Jenen erschien das Sichtbare, die Gestalr, als Gölteroffenbarung; den Juden aber ist verkündet und tief ausgefaßt (5 B. M. 4, 13,): „bedenket wohl: ihr habet keine Gestalt irgend einer Art gesehen, sondern nur eine Stimme gehört." Da war nun Jedem sein Gebiet angewiesen: dem Bruder Eßau die Hände, daS Greifbare, dem Bruder Jakob die Stimme, das Hörbare. Und so ist es auch geblieben! — Während in Frankreich unter den brillantesten Staatsverhältnissen ein Jude Staatsminister und in London ein Jude Lord-Mayor ist, deliberiren Behörden deutscher Länder noch darüber, ob man den Juden irgend ein Aemtchen anvertrauen, ob man jüdischen Religionsbeamten die Privat-Unterhaltung mit Arrestanten, ja ob man (risum teneatis) die Judenheit gar als eine Religionsgesellschaft anerkennen dürfe. Und dennoch welch ein Compliment machen unS dieselben Behörden, da man trotz Alledem stets auf unsere unerschütterliche Loyalität rechnet!

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