Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 81 (7.7.1838)
- Date
- 1838-07-07
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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527 die Mutter so früh geschieden; ich erwarte von Dir Entgegenkommen, verständigen Entschluß und Sicherheit des Weges. Du bist mir dies doppelt schuldig, da mir ein Sohn verweigert ward, und ich um deinetwillen eine zweite Ehe, zu der ich so berechtigt war, mir versagte. Vater, zu Allem, Allem bin ich bereit, erwiederte Julie in Aufregung, und ließ die Hand von ihrer Arbeit sinken, nur nicht zu Unmöglichem. Liebe Julie, Unmögliches verlange ich auch nicht. So weit ich Dich kenne, in Deiner Ruhe, Leidenschaftslosigkeit und festen Gesinnung, wird sich Dir kein Hindernis barbieren. Du wirst dabei für Deinen Vater viel thun, worauf er Gewicht legt, und in angenehme Verhältnisse kommen. Sprechen Sie, kommen Sie zur Sache — rief Julie mit halb erstickter Stimme aus. Es ist nicht gut, Julie, daß Du von vorn herein Dich afft'ciren laßt. Das wünsche ich nicht. Es gehört auch nicht dazu. Ich wünsche, daß wir mit dem Kriegsrath Faller in ein näheres, in ein nächstes Verhältnis treten. Der Neffe des Kriegsraths, der junge Ludolf, ist ein gemachter Mensch, dabei schön, angenehm, voll Kenntnisse, seine Earriere ist sicher. In einigen Jahren wird es zu spat sein. Ec wird in wenigen Wochen entweder Attache bei unserer Gesandschaft in P. und erhält den Titel Legationsrath, oder er tritt als Assessor in das Departement des Auswärtigen. Faller will die Verbindung, und wird mir die Erhebung zum Commissionsrath verschaffen, so wie mannigfachen Einfluß für meine Speculationen gewahren. Du siehst, es ist Alles, wie man nur wünschen könnte. Ich weiß, daß wir als Gegengewicht Geld in die Schale legen müssen, und das können wir zur Genüge. Und laß es mich noch sagen, Du bist ein höchst liebenswürdiges Mädchen, und wirst die Honneurs eines großen Hauffs mit Ehren machen. Siehst Du, Du hast eine glanzende Zukunft. Julie war dieser Erklärung mit großer Spannung gefolgt, eine Todtenblasse hatte ihr Gesicht bedeckt, sie war zurückgesunken in den Stuhl. Jetzt ermannte sie sich, und stieß die Frage heraus: Und meine Religion —■ —? Das macht sich, Julie. Diesen Ejnwand erwartete ich nicht einmal. Du bist in den höheren Kreisen der Gesellschaft nicht unbekannt, und weißt, daß diese Formen dort nichts gelten, und im Staate nur für das Volk erhalten werden. Eine Stufe darin zu überspringen, kann Dir nicht viel gelten. Und Sie--? Ich bin im Judenthume erzogen, und bleibe darin, so weit ich noch darin bin. Du bist es nicht, und Dich halt nichts. Was weißt Du denn gar davon? Das ist abgemacht. Vater, Sie sprechen gotteslästerlich- Daß ich nicht wüßte? Ist Gott das unendliche Wesen, das alle Welt umfaßt, was kann ihm daran liegen, ob ein winziges Geschöpf von der einen Million, die ihn in jener Form anbeten will, und so selten anbetet, übergeht? Wie wird er so eigennützig sein, zu verlangen, daß wir gerade da stehen bleiben, wo er uns hat geboren werden lassen, weil es den Menschen gefallen hat, sich so zu trennen und zu sondern? Julie, ermuthigt, auf ein ihr vertrautes Gebiet gekommen zu sein, hatte sich gefaßt, und erwiederte: Und gesetzt, es wäre ihm gleichgültig, Vater, kann es uns gleichgültig sein, unser bestes Selbst, unser eigenstes Dasein, unsre Erkenntniß und unfern Glauben, wegzuwerfen und ein andres aufzunehmen, wie ein Kleid nach der jüngsten Mode? Ach, Julie, das ist Nichts. Was das Rechte und Wahrhafte ist, glaubt alle Welt gleicherweise. Das ist wahrlich nicht Eigenthum blos eines Bekenntnisses; die Menschen haben es von jeher gewußt. Lieber Vater, Sie sprechen von denen und wie die, welche eigentlich Nichts erkennen und glauben, sondern überhaupt nur leben, und Religion und Moral höchstens als ein Regulativ für die Geselligkeit ansehen, das nebenbei bestehen kann, und auch wol nützlich ist, so lange es ihren Wünschen nicht entgegen steht, das sie aber verachten und von sich stoßen, sobald es sie auf ihren Wegen hemmt. Mit solchen läßt sich aber gar nicht zu Ende kommen, da sie den Inhalt der Sache gar nicht kennen, und wunder wie hoch sich zu erheben wahnen, wenn sie der Menschheit ein solches Besitzthum schaffen. Das, was die Menschheit allgemein als recht und wahr besitzt, das ist freilich nicht wenig, aber bezieht sich nur auf das äußerliche Verhalten gegenseitig, und ist höchstens noch Die Gewißheit einer Gottheit und irgend eine Hoffnung auf das Fortleben unsrer Seele. Aber was innerlich liegt, und in der Tiefe des Menschengeistes Wahrheit ist, das ist nicht allgemein in den Händen Aller, und doch ist dies gerade des Menschen wahrhaftestes Wesen. Du sprichst sehr hübsch, meine Julie, antwortete der Vater und lächelte. Ich weiß auch, daß dergleichen jetzt wieder in den Köpfen zu spuken anfängt, nachdem wir es langst herausgedrängt glaubten. Am wenigsten vermuthete ich es bei Dir. Aber es soll auch nichts weiter als Rede bleiben, und wenn es Dir will zu Herze steigen, so schau nur ein wenig hinüber in das tobte Haus drüben, um zu