Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1855)
- Date
- 1855-10-15
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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535 wer wird Alles noch kommen? Sieht man nicht ein, daß da alle Mittel zersplittern, und — fast gar nichts ausgerichtet wird? Warum will Jeder eigensinnig seinen Weg und allein gehen? Jeder für sich die Würde „eines Fürsten des heiligen Landes" erwerben? Ist denn keine Vereinigung unter den „Zerstreuten Israels" möglich? Wir gestehen, daß, was uns betrifft, auch wir bei unserm Gedanken noch immer stehen: wir wurden erst in diesen Tagen durch die Nachricht darin bestärkt, nämlich „es wird in Kurzem zu Versailles auf Betreiben des türkischen Botschafters eine besondere türkische Schule errichtet werden, in welcher 300 junge Muselmänner sowohl in den europäischen Sprachen, als in Wissenschaften, in Künsten und Industrie unterrichtet werden sollen. Der Sultan will zur Unterhaltung der Anstalt jährlich 6 Will. Piaster (1'/2 Mill. Fr.) hcrgeben." — Wir sehen hierin einen Anknüpfungspunkt für die Verwirklichung unsres Planes, den wir für den jüdischen Orient — wir meinen hier nicht Jerusalem — als den allein wirkungsvollen anerkennen. Dessenungeachtet ist es jetzt unser ganzer Wunsch und unser ganzes Bestreben, einen ZNittelpUNkt für alle diese Anstrengungen zu schaffen. Es versteht sich, daß hier nicht von unsrer Person die Rede ist, sondern von einer Vereinigung in Europa zu diesem Zwecke. Es ist hier nicht der Ort und die Zeit, schon darüber zu verhandeln. Möchten wir auch diesmal eines recht glücklichen Erfolges uns freuen können! Aphorismen. Aus München liest man in der N. Pr. Z., daß, da eine Nckromantin dort Orakelsprüche, eingcgeben „vom Geiste Sokrates", an sehr angesehene Personen crthcilte, und der Erzbischof sich dagegen ausgesprochen, jetzt eine Anzahl solcher an den Erzbischof geschrieben, seinen Ausspruch aufzuheben, da jetzt „zum Geiste Sokrates noch der Geist Salomo's und St. Augustin's neu hinzugekommen sei." Die N. Pr. Z. zählt die Grafen und Beamte auf, auch einen Medicinalrach, die dieses Schriftstück unterzeichnet haben, und fügt hinzu: „auch ein Jude befindet sich darunter." Ist dies Letztere nicht eine plumpe Erfindung? Wäre eS dies nicht, so könnte cs nur ein getaufter Jude sein, denn die ftommc „Kreuzzeitung" weiß sicher allein aus ihrer Bibel, daß den Juden alle Nckromantie, Todtenbeschwörung rc. rc. als Gotteslästerung aufs schärfste verboten ist; und am wenigsten kann ein Jude eine Liren; von einem Erzbischof erbitten. Wir überlassen also die Nckromantie der „frommen Partei", welche als „klein, aber mächtig" schon wissen wird, was fic damit anfängt. In diesen Tagen lag mir ein sehr interessantes Werk des Herrn Jacob Dernays, Sohnes des sel. Chachams, eine treffliche Biographie des berühmten französischen Philologen Joseph Justus Scaliger, der insondcrs durch sein Werk de einendalione temporuin unsterbliche Verdienste um die Chronologie sich erworben, vor. Der Verfasser verstand es, die ganze bedeutende Gestalt dieses umfassenden und bedeutenden Gelehrten vor uns erstehen;u lassen. Einen schönen Theil seines Lebens ließ sich dieser geniale Kopf durch den Kampf verbittern, seinen erbärmlichen Gegnern gegenüber die Bchauprung aufrecht zu erhalten, daß er von den alten Fürsten dclla Scala aus Verona abstamme. Dies konnte nun in jüdischen Kreisen nicht geschehen, wo, einige phantastische Herleitungen von der Davidischen Familie ausgenommen, und außer einiger gelehrten Familien Glanz, ziemlich Jeder seiner Größe Schmied selbst sein mußte. Wir heben aber Folgendes heraus, waS nicht uninteressant ist, und was zum Theil in unseren Tagen ebenfalls gilt. — Scaliger hatte das Griechische, Sprache und Literatur, fast nur als Autodidakt erlernt. Dasselbe wollte er mit den orientalischen Sprachen, und begann mir dem Hebräischen. Hier konnte er aber die Schwierigkeiten nicht überwinden, und den eigentlichen usus linguae bekam er niemals weg. Obgleich er nun viel auf seine orientalischen Sprachkcnntnisse gab, so blieb er gerade hierin bescheiden, was bei den Philologen selten geschieht. In Lehden hat Scaliger noch als scchszizjähriger unter Anleitung eines getauften Juden, Philipp Ferdinand, des talmudischcn Idioms Herr zu werden versucht. In einem Briefe an Drusius beklagt er den frühen Tod dieses Ferdinand und sagt in sachverständiger Bescheidenheit: „er hatte eine bewunderungswürdige Kcnntniß im Talmudischcn, wie sie nur ein von Jugend auf unterrichteter Jude erlangen kann. Vergebens suchen wir Christen sie zu erlangen, da dies ohne jüdischen Lehrer, der jüdisch cs erlernt hat, gar nicht möglich ist. Ich habe dies immer geglaubt und nun auch selbst erfahren." — Ein ander Mal sagt er: „Der Hcbraismus schmeckt Anfangs wohl, wenn man aber tiefer eindringl, ficht man, wie weit der Weg ist. Niemand ist jetzt, der durch die Lcctüre der 42 *