Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1855)
- Date
- 1855-10-08
- Page
- Seite 527 (sequence 7)
- Language
- German
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527 und will unparteiisch einige Bemerkungen nicht vorenthalten. — Zuerst ging ich nach dem „Hamburger Tempel." Ich fand ihn ziemlich gefüllt, der Gottesdienst wie bekannt sehr geregelt, gemischt auS hebräischen und deutschen Gebeten, Predigt, Orgel und Chorgesang. Die beiden letzteren waren sehr mittelmäßig, der Gottesdienst ließ kalt, weil die Gemeinde zu wenig selbstthätig ist, die Predigt (Herr vr. Gustav Philippson auS Dessau) war sehr ansprechend — aber der Prediger fand doch Veranlassung, die Zuhörer an öftern Besuch deS Gottesdienstes zu mahnen, und — was die Anwesenden allgemein empörte, war, daß der Vorbeter ein Mann war, der am vorigen Jom Kippur noch sein Gewölbe offen hatte. Ein solcher Schliuh Zibbur war dem Publikum doch zu stark, und ich sah es vor dem Eingang versammelt und des Vorstehers harren, um ihm dieses unwürdige Spiel mit dem Gottesdienste vorzuwerfen. — Ich eilte von da in den neuen, den 10. d. M. erst eingeweihten Tempel. Ein herrliches, prachtvolles Gebäude! Der Gottesdienst wird ganz nach altem Ritus abgehalten, kein Chorgesang, kein deutsches Lied. Aber abgesehen davon, welch' ein wüsteS Lärmen fand ich da. ES waren kaum Theiluehmer am Gottesdienste, eS war ein Hinein- und Herausströmen der „Zuschauer", als wenn eS nur galt, das Haus zu besehen. Die Leute hatten die Plätze bis zu 12 Thlr. bezahlt, und gaben nun die BilletS Anderen draußen, um hinein zu gehen. Ach, wie fiel mir die Haphtora deS TageS, JesaiaS Capitel 58, ein! Ich war gerade zur Predigt da — aber glaubt man, daß man vor Geräusch ein Wort verstand? Obgleich der Herr vr. Jellinek ein starkes Organ hat, konnte er es doch nicht beherrschen, und obgleich ich der Kanzel nahe war, verstand ich nichts! — So wenig verstanden die Vorsteher, ein wenig Polizei zu üben! — Ich lenkte meine Schritte hierauf nach der „Brodyer Schule". Hier fand ich unsre Glaubensgenoffen in Strümpfen in auf den Boden gestreutem Heu stehend, und einen solchen Geruch, ein solches Geheul und Gesinge, daß ich schnell machte, daß ich wieder fortkam. — Ich hatte genug, und wenn ich nicht der Ueberzeugung lebte, daß in der Heimath an den meisten Orten mehr Ordnung, mehr Weihe, mehr Judenthum im Gottesdienste herrschte, so würde ich mich sehr grämen. Preußen. Halle, im September. (Privatmitth.) Wie eS hier heißt, ist den juristischen Facultäten die Weisung zugegangen, keinen Juden mehr zum voctor juris utriusgue zu promoviren. Berlin, 25. September. (Privatmitth.) Man wagt außerhalb so gern, über die Frömmigkeit der Berliner unschmeichelhafte Urtheile zu fällen, aber schon ein Gang durch die Königsstraße am Neujahrsfeste verbunden mit der Lecrüre der improvisirten Affichen an den geschlossenen Ladenthüren würde jeden -N21N in die zerknirschendste Bußestimmung versetzen. So las man an einem Laden die erhaben einfachen Worte: „Freitag um 7 ist daS Geschäft wieder geöffnet." Welche Prägnanz, welche bekenntnißreiche Fülle religiöser Anschauungen strotzt dem glücklichen Leser auS den lapidaren Zügen dieser Inschrift entgegen! Eine jede andere Fassung, wie z. B.: „während der beiden Festtage ist daS Geschäft geschlossen", wäre fade gewesen und von jeder dogmatischen Demonstration entblößt, die wirklich aus der frommen Hand des Ladenbesitzers hervorgegangene aber hat auf ihrer so kurzen Linie eine lange Reihe von Mitteln, daS Nachdenken zu reizen, und zwingt die Leser, ein frommes Streben zu feiern, welches den Jomtob so hoch ehrt und heilig hält, daß eS ihn über den Sabbath stellt und sogar vripn 5? nadia cpcnn ist. Wenn garstige Menschen aber so weit gehen sollten, solche, auf Kosten des Sabbaths gewagte, Heiligung des Neujahrfestes als eine Fortbildung der Neuorthodorie darzustellen, so mögen sie zur Beschämung und zur Büßfertigkeit erfahren, daß die Neuvrthodorie in Berlin jetzt verwaist, trauernd, unglücklich, wehrlos, ja enthauptet ist. Denn von den vier interessantesten und eifervollsten Häuptern derselben ist der eine zum Christenthume, der andere (durch die Reform) zum Judenthume, der dritte zum Neupatriotismus, und der vierte zur Opposition übergegangen, während die Getreuen, Brüder und Sendboten, verstummt, verlassen und theils reuevoll ihr Leid tragen. Daß die Neuorthodorie eine Pflanzschule für die Taufe war, konnten unparteiische Beobachter längst sagen. Zusammengesetzt auS religiöser Lüge und politischer Bravade, mußte sie den schwärmerischen Anhänger ohne vollkommene Kraft zur fortgesetzten Heuchelei