Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1855)
- Date
- 1855-10-08
- Page
- Seite 522 (sequence 2)
- Language
- German
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522 men, die Gesellschaft, d. i. der Staat niemals berechtigt sei. Hiermit war der große Kampf eröffnet, der bald mit dem Schwerte, bald mit der Feder geführt wurde, aber bis heute noch nicht entschieden ist. Seine verschiedenen Stadien, den Wechsel in der Obhcrrschaft. seine Ausbrüche und Verirrungen haben wir hier nicht zu schildern. Sehen wir aber in diese vier Jahrhunderte des Kampfes zurück, so zeigt sich, daß zu jeder Zeit irgend ein gerade hervorragender Staat der Repräsentant der einen Idee, ein andrer der Träger und Verfechter der andern Idee war; daß sich dann einzelne Staaten um den einen, wie um den andern schaarten; und daß andere wieder schwankten, und weder im Innern, noch nach außen eine entschiedene Stellung einnahmen. Wir brauchen cs nicht erst zu erweisen: in den letzten Jahren hatte, während in einem kleinen Theile der europäischen Staaten die unbedingte Glaubensfreiheit fest gewurzclt ist und in der That entschiedenen Sieges zu sein scheint, in dem andern, großem Theile der Glaubenszwang wieder große Herrschaft erlangt, und schien immer weiter und stärker greifen zu wollen. Es geschah dies unter der Aegide Rußlands. Rußland hatte offen das Panier einer möglicherweise zu erzwingenden Glaubenseinheit in seinem Staate aufgesteckt, cs hatte daher alle seine nicht zur russisch-griechischen Kirche gehörigen Unterthanen, römisch-katholische, protestantische und zumal die Juden mit den drückendsten Ausnahmegesetzen belastet, es hatte eine Menge Mittel angewandt, um unter scheinbaren Vorwänden, wie militairische Erziehung der Kinder, die trübseligsten Gewaltsmaßregeln auszuüben. Je größer nun das Ansehen Rußlands war, je mehr es unter begünstigenden Umständen seine Autorität ausübte, desto nachdrücklicher trat auch der Glaubenszwang wieder aus seinem dunkeln Versteck heraus, und „eine kleine, aber mächtige Partei" — „klein", weil sie diesseits der Weichsel so wenig Anhänger zählt, aber „mächtig", weil sie im Schatten dieses übermächtigen Rußlands focht — suchte, bald offen, bald auf Schlupfwegen die Consequenzen dieses Princips wieder in die Wirklichkeit einzusenken, selbst da, wo das Princip selbst nicht geradezu ausgesprochen werden konnte. Wohl — der Fall Sebastopols, unverkennbar ein Wendepunkt in der Geschichte Rußlands, ist dann auch ein Wendepunkt in dem Kampfe der Glaubensfteiheit und des Glaubenszwanges, und wir können hoffen, mit der Abschwächung der Autorität Rußlands auch den Glaubenszwang, dessen Herrschaft wir Juden stets zuerst und am stärksten empfinden, wieder abgeschwächt — wenn auch nicht besiegt zu sehen. Wir haben in der „Schlußbemerkung" zu den zwölf kleinen Propheten in unserm Bibelwerke (11. S. 1559.) gesagt: „die Propheten bilden das Buch der ganzen Völkergcschichte" — denn ihre Schilderungen, Weissagungen und Mahnungen gehen dahin, zu zeigen: daß, trotz entwickeltster Schwertmacht, kein Volk, kein Staat in Unsittlichkeit, Gewaltthätigkeit und Jrrthum bestehen könne, sondern gerade im Momente seiner höchsten Macht unrettbar seinem Untergang entgegengehe. Auf den Ruinen Sebastopols steht einmal wieder das: „Bis hieher und nicht weiter!" der göttlichen Vorsehung — und Rußland muß sich selbst sagen, daß es dieses Weltgericht selbst über sich heraufbeschworen, wie die Propheten all Dies mit so tief einschneidenden Worten schildern. ES ist dies Alles auch selbstverständlich: das Princip der Glaubensfteiheit läßt jeden Staat, jede Nation, jedes Individuum ruhig bestehen, und sein Ausfluß muß daher Frieden und fteier Verkehr sein. Das Princip des Glaubenszwanges und unbedingter Herrschaft muß eben so nothwendig immer weiter und weiter führen, und so den Kampf, den Krieg auf Leben und Tod bewirken, der dann eben so nothwendig mit Niederlage und Untergang Möge demnach in Erfüllung gehen, was wir hoffen, daß außerhalb Rußlands nunmehr die Glaubensfreiheit wieder zu Ehren kommen werde — ja hoffen wir, daß selbst innerhalb Rußlands diese große Erschütterung eine Umkehr auf dem bisherigen Wege bewirken, daß die Einsicht, auf jenem Pfade der Gewaltthätigkeit nur zu einem schrecklichen Ziele zu gelangen, sich Bahn brechen werde! — An die Möglichkeit eines Umschwunges des Princips selbst in Rußland erinnerte uns in Liesen Tagen der von den Zeitungen verkündete Tod des ehemaligen russischen Ministers der Volksaufklärung (des Unterrichtswesens) Ouwaroff. Auch Rußland hat seine Zeiten gehabt, wo der Kampf zwischen Glaubenszwang und Glaubensfteiheit, zwischen Gesittung und autokratischem Militairstaat am russischen Hofe selbst, in den höchsten Staatsregionen gekämpft ward. Es waren stets nur kurze Zeitperioden, aber sie eristirten doch. So unter Alerander, so selbst unter Nikolaus. Diesen Kampf der beiden Principicn unter Nikolaus, diese Hinneigung — wenn auch nur einen Augenblick lang — zu Humanität und Eivilisation bezeichnet der Mann, den wir eben genannt ha-