Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1855)
- Date
- 1855-10-01
- Page
- Seite 511 (sequence 5)
- Language
- German
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Sil Der Religionsfriede, der jetzt im protestantischen Deutschland gefeiert wird, hat für keine Religionssecte eine schwerere Bedeutung, als für unS deutsche Juden. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn nicht die Spaltungen in der Christenheit entstanden und zuerst in Holland — der Wiege religiöser Toleranz — und dann in den Ländern deS heiligen römischen Reichs zu einem Frieden geführt hätten? Ich glaube, daS Wort deS Propheten: aiVo er? as rrr-p aeircr bewahrheitet sich nirgends mehr als hier. — Eine neue Tragödie „Jerufalem's letzte Nacht" von Wallheim, einem Juden (getauft), har hier unsere Aufmerksamkeit gespannt, aber nicht unsere Erwartung befriedigt, denn die Arbelt ist weil hinter früheren Dichtungen dieses Bersassers zurückgeblieben. Die Klippe, an der die meisten historischen Dramen scheitern, die Nothwendigkeit, eine oder mehrere weibliche Hauptrollen in den gegebenen oder accommodirten Stoff hinein zu arbeiten, hat hier die Monstrosität bewirkt, daß Titus selbst, der Feldherr und Imperator, unter falschem Namen drei Acre hindurch sich innerhalb der belagerten Stadt aufhalt, um durch ein jüdisches Mädchen, das er erpreß zu diesem Zweck verführt, einen heimlichen unbewachten Pfad in die Burg kennen zu lernen. Das Uebrige kann man sich denken. Doch findet sich auch eine erhabene und wahrhaft poetische Idee: der Dichter läßt den Tempel, den TikuS gern verschonen will, durch eine enthusiastische Jüdin selbst in Brand legen, damit die Römer ihren Zweck, einen Tempel des Jupiter Victor daraus zu machen, nicht erreichen sollen. ES ist mir außerordentlich angenehm und zum Dank Namens deS ganzen Lesepublikums verpflichtend, daß der Herr Redacteur in Nr. 37. d. Z. einige Gegenbemerkungen zu meinen Aeußerungen gemacht hat. So ists recht, und nur durch gemessenen Dispur kommt Leben in die Sache. Und daher komme ich auch meinerseits auf die Confirmarion zurück, nämlich auf den objecliven Werth des Consirmations-Acrs, denn nur diesen habe ich bestrirlen. Unsere Vorgänger feierten den Schluß einer Maßachra, eines Percks als einen Zwirn, einen IIu- <1 rai» Allach durch eine Mahlzeit, die zu den 8eutloL mizwa gezahlt wart: warum sollten wir, bei denen das bischen Religionsübung sich fast ganz aus der PrariS in die Theorie zurückgezogen hat, eine Schlußfeier des Religionsunterrichts unfern Kindern nicht möglichst celebriren? Aber das wiederhole ich ohne Furcht vor Widerlegung: da nach jüdischen Begriffen der Knabe zu 13, das Mädchen zu 12 Jahren (oder nehmen wir eine höhere Altersbestimmung an) ganz von selbst zurechnungsfähig wird, sein Vater möge oder möge nicht durch die Formel sliepatranny seine Freude barü&er ausgedrückr haben, daß er der Verantwortlichkeit für die Vergehen seines KindeS von nun an entledigt sei, so kann auch dem Act der Segnung eines schwarz bekleideten Mannes keine ganz ober Halbweges sacramentale Befestigungskraft beigemessen werden.*) Wenn in Gemeinden wie Amsterdam, London, Berlin, Prag, Rom, Marseille u. s. w. die Confirmarion in diesem Sinne völlig unbekannt ist, so sollte man, wie mir scheint, sich sehr hüten, ihr einen höheren Charakter als den eines solennen Schlußeramens zu vindiciren, und sich desto mehr bemühen, sie vor dem niedern eines Schaugepränges elterlicher und jugendlicher Eitelkeit und verrufener Geistreichigkeit zu schützen. Die officielle moderne Confirmation wurde zuerst *) Wenn auch mit dem Sabbath nach dem zurückgclcgtcn 13. Jahre die Zurechnungsfähigkeit des jüdischen Knaben von selbst eintrat. so wurde doch das erstmalige Aufrufen desselben zur Torah und Aussprechcn der Segenssormeln hierbei zur Pflicht gemacht. Unterbleibt dies, so ist die Zurechnungsfähigkeit des jüdischen Jünglings nicht minder groß, aber er hat diese Epoche seines Lebens mit einer „Unterlassung" begonnen. Ein ganz ähnliches Bcrhälrniß mit der Confirmation, nur daß diese noch nicht die Sancrion erhalten, welcher jener Acr des Aufrufcns hat, weil sic sie zu erlangen noch nicht Zeit gehabt. Die Stellung des weiblichen Geschlechtes in jetziger Zeit macht für dieses einen solchen Acr eben so norhwcndig, wie sür die Knaben. Wir sagen „nothwcndig", nicht in dem Sinne, die Confirmation unter die sf-n Mizwoth cinzuschmuggeln, oder in einen „rcvidirtcn Schulchan- Aruch" eintragcn zu wollen — sondern in dem Sinne, um Alles zu thun, was das religiöse Leben zu berhärigen und zu fördern vermag. Da die bisherige Bar-Mizwah bei zahllosen Juden gar zu cindruckslos geworden, so ist eine andre eindringlichere Form nothwcndig, um die Jugend nicht gar zu unscheinbar — und als ob die Religion gar keine Existenz mehr habe — ins Leben zu entlassen. Tics ist die einfache Logik. Es versteht sich, daß auch wir jedes Schaugcprängc hassen — sie muß herzlich, wahr und charaktervoll sein: dann erhält sic sich, ja dann wird sic zuletzt von selbst so sanctionirt werden, wie andere religiöse Formen, die ja auch nur auf solche Weise geworden. Die Rcdacrion.