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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-10-01 · Heft 40 (1.10.1855) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 40 (1.10.1855)
Date
1855-10-01
Page
Seite 510 (sequence 4)
Language
German
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510 Kirche, zwischen Kirchenlehrern und Kirchengliedern acht christlich, d. h. im Geiste dessen, dessen „Reich nicht von dieser Welt" ist, einrichten, so folget auch hier dem Vorbilde der jüdischen Kirche. Indessen ist das nicht unseres Berufes, und überdies wären wir wohl genöthigt, den Vorbehalt beizufügen: seil, wie dies Verhältniß bei den Juden bis auf diese Zeit wirklich war, nicht aber wie die euch umschwänzelnden jetzigen Polizeirabbiner und ihr Denuncianten- Schweis es haben möchten. Nachdem ich jetzt daS neue Sachsesche Machsor gesehen, kann ich dem in Nr. 35. ausgesprochenen Uriheil nicht beipflichten. Denn einerseits ist eS eine ganz vortreffliche Arbeit, und die, freilich von den knotigsten Stücken (aber warum vom Lebir ds-jiebucl?) Umgang nehmenden neuen metrischen und gereimten Uebersetzungen sind meist wahre Meisterstücke, waS vorzüglich jeder erfahrene Versifer empfinden muß; andererseits ist eS nicht nur eben deshalb eine ganz herrliche Buchhändlerspeculation, sondern schlägt auch alle den weorot da - ketannim auf das Maul, die sich bisher an allen Ecken mit diesen arabisirenden Uebersetzungen abgegeben haben. Dann aber giebt sich daS Buch überall nicht als auS dem Leben für daS Leben bestimmt, sondern vielmehr als ein Friedhof voll schöner Monumente für Verstorbene. Beweis davon, daß die ganze stumme Scene, selbst die Angabe, wie man zum Neujahr gratulirt, nicht in deutscher Sprache, sondern lediglich pro mem. in ebräischer gegeben ist. Auch die Titelblätter hätte man, wäre mehr als ein Monument, ein Nachweis, daß unsere von uns so sehr verschiedenen Vorväter nicht geradezu wahnsinnig gewesen, beabsichtigt, nicht so dreist deutsch alS: „Festgebete der Israeliten" schlechtweg, und ebräisch als: „Nach dem Minhag von Polen, Böhmen, Mähren und Ungarn, dann auch von Westdeutschland", gegeben, sondern letzteres nur mit der Angabe: minus Frankfurt a. M., Württemberg, Wien, Prag, Pesth, Mannheim, Bonn, Cöln, Kopenhagen u. s. w. und erstereS noch obendrein mit einem: minus deS Sefarodischen Minhag in Holland, Südfrankreich (dort auch dem Minhag der vier Gemeinden), Italien, der Türkei, Gibraltar, Asien, Afrika und umliegender Gegenden. Nein, man wollte auch hiermit auödrücken, daß nur eine Mumie wohl balsamirt werden solle, und in dieser Beziehung ist eS nur zum Verwundern, daß in dem bekannten stillen Gebet die wichtigen Schemoth Anbatham Pastam u. f. w. weggelaffen wurden. Kam eS auf dies Endchen mystischer Sublimitäten an, nachdem man, namentlich dem schönen Geschlechte die genauesten Beschreibungen der jährlichen himmlischen Assisen, der magischen Kraft der Sohoferiöne u. s. w. im Platen-Rückert'schen Gewände als ein probates Erbauungsmittel geboten hatte?*) ES ist hier wohl der Ort, zu erwähnen, daß, so sehr die sefarodischen Festgesänge den deutsch-polnischen an Sprache und poetischem Gehalt voranstehen, die meisten typischen Gebete unseres deutschen gewöhnlichen SiddurS bei den Portugiesen durch geschmacklose Einschaltungen, Flicken, deren Näthe jedem Auge sichtbar sind, und Dallhornisirungen aller Art förmlich verhunzt sind. Wir verweisen nur auf den Anfang deS ersten Satzes des gewöhnlichen Tischgebets und die Zusätze im ganzen Kaddisch, im Nischmarh und im Baruch scheamar. Beweis, daß auch die typischen Gebete der Alten nicht für unantastbar gegolten haben. Der neulichen Ermahnung zur Eintracht hätte ich noch die Hinweisung beizufügen, daß die Stabilen weit eher Grund haben, in dem öffentlichen Cultus nachgiebig zu sein, da es ja den Aufgeklärten noch nirgend eingefallen ist, alle Gegenstände von Käscher und Terese, von Kalenderrechnung, Sabbaths- und Bader-Einrichtungen, in so fern dies Alles öffentliche Institutionen anbelangt, ändernd anzurasten. Wer die Sachen auch nur einigermaßen kennt, der muß ja wissen, daß man eher Machsor und Siddur preisgeben kann, als das kleinste Dinnchen, das die äußerste ZehenSfpitze eines Kälbchens oder VögelchenS betrifft. Warum also nicht nachgeben, wo man nachgeben kann? Daß Gott, nach dem Talmud, bloS um deS Friedens willen sogar die ganze Thora gegeben hat, sollte doch alS ein Vorbild betrachtet werden! *) Wenn unser geehrter Korrespondent unfern Artikel in Nr. 35. genau liest, so wird er sehen, daß sein Urthcil dasselbe ist, wie das unsrige. Wir hatten gegen die Anzeige des Buches, nicht gegen dieses selbst, gegen die Anpreisung als „Erbauungsbuch", gegen das Mittel, die Piutim zu verherrlichen, gesprochen. Ob die Piutim gut übersetzt find, und daß dies ganz hübsch ist, dazu lag uns das Buch noch nicht einmal vor. Ucbrigens bleibt cs immer ein curioses Ding, wenn Einer die Piutim beten will, und er liest da endloses Rcimgeklingcl; da ist mir eine Uebersetzung in guter Prosa viel lieber. Redact.

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