Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1855)
- Date
- 1855-10-01
- Page
- Seite 508 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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508 Rechtes an ein Rcligionsbekenntniß zu Linden vermag — so lange ist kein Religionsfriede da. aber auch ohne Ausnahme nicht da. Denn das Eigenthümliche, aber auch Strcngwahre und Natürliche ist hier — daß die kleinste Ausnahme die ganze Regel umstößt. Denn wer sich berechtigt glaubt, irgend Wen um seines Glaubens willen bürgerlich und gesellschaftlich zu benachtheiligen — der glaubt cs im Grunde gegen Alle zu sein, die nicht seines Glaubens sind, und wird dies erweisen, sobald er — die Macht und Gelegenheit hat. Feiert daher den „Augsburger Religionsftieden" oder feiert ihn nickt — so lange noch nicht der ihm zu Grunde liegende Gedanke in Euch so übergegangen ist, daß Ihr gar nicht anders zu denken vermöget: so lange ist noch kein wahrer Religionsfriede vorhanden! Von -er Neuorthodorie. Das verflossene jüdische Jahr hat mit großer Energie die schon ftüher versuchsweise vorgekommene Erscheinung zu Tage gefördert, die Form der sogenannten Orthodorie, wie sie sich bis durch die letzten Rabbinen des vorletzten Jahrhunderts entwickelt hat, mit einem neuen Gutta-Percha-Ueberguß glänzenden Geistes und wortreichen Fanatismus' zu versehen, theils um sie besser zu conservircn, theils um ihr etwas neuen Glanz zu verschaffen. Wir rufen den Trägern dieses Versuches nicht zu: Täuschet nicht und täuschet Euch nicht! — dazu haben wir zu viel Erfahrung. Wir rufen vielmehr unsren Glaubensgenossen zu: Lasset Euch nicht täuschen! Mir einer Dosis dichterischen Genius, mit der Befähigung, einige auffällige Bockssprünge des Geistes zu machen, mit einer guten Portion Dreistigkeit und zutäppischer Behauptungen, mit dem Scheine starrer Eonsequenz bei dem Mangel aller Logik läßt sich in unsren Tagen vor einem viertelgebildeten und dreiviertelunwiffendcn Publikum schon Etwas machen, wenigstens so viel machen, daß man eine gewisse Stellung einnimmt, von welcher aus man sich so viel bläht, daß man noch dreimal so groß an Umfang und Einfluß erscheint, wie man in der That ist. Ihr müßt nur schnurstracks Dem entgegentrcten, was die ganze Gegenwart will, thun, als ob Ihr dieser ein „Bis hierher und nicht weiter!" Zurufen könnt und wollt, Ihr müßt Euch auf den Felsen der Vergangenheit stellen, und diesen als den reinpolirten Marmorblock ausposaunen, zu dessen Füßen die schmutzigen und ohnmächtigen Wellen der Jetztzeit rollen — und Ihr habt schönes Spiel gewonnen! Doch nein! — das Spiel dauert nicht lange; cs zerrinnt wie Blasen vor dem Andrang zweier Gewalten. Das Alterthum, die Vergangenheit selbst verläugnet Euch — denn Euer Firniß ist nimmermehr der Stoff, aus welchem jene geschaffen waren; Euer mit großer Anstrengung hineingepfropfter Geist der Sophisterei entfährt ihm ohne Geräusch wieder — und die Jetztzeit will nichts von Euch wissen, denn die Hand der Humanität und der Arm der göttlichen Wahrheit reißen die Larve ab, welche gleißnerische Heuchelei über Haß und Neid gebunden. Es ist sehr viel werth, daß die Neuorthodorie in die Oeffentlichkcit getreten. Sie ist dadurch genöthigt, ihre besten Münzen auszugeben — und wenn sie so von Hand zu Hand wandern — dann zeigt es sich am ehesten, daß es austwlirte Spielmarken find. Das weiß sie auch selbst, und möchte am liebsten sie durch Staatsgesetz und requirirte Polizei zur Geltung, ja zu ausschließlicher Geltung bringen und zwingen. Dadurch kommt aber doch eine Prüfung des wahren Werthgehalts herbei, und — sie fällt alsbald ins Nichts. Ihr wollt einige Kennzeichen dieser „Neuorthodorie" haben, woran Ihr sie erkennen möget? Hier find sie: 1) Das Judenthum mit allen Dinim und Minhagim, mit Thaschlich, Caparah, Bartwachsen, Käppchen, Glaszerbrechcn rc. rc. ist unveränderlich, unverbrüchlich verpflichtend, und muß so bleiben bis die Welt untergeht. 2) Mittlerweile sucht man, um nicht auffällig zu sein, es doch ein wenig zu belecken; was gar zu häßlich ist, thut man ohne Zeugen, denn die Juden unter sich, namentlich die „Frommen" unter sich, brauchen sich nicht zu scheuen; nach außen hin machen, bei furchtbar consequenter Miene, Glacehandschuhe, schöne Frisur und feiner Leibrock gute Wirkung. 3) Verabscheue alle profane Wissenschaft, Haffe alle nichtjüdische Bildung! 4) Jndeß zeige überall, daß Du Deinen Plato und Aristoteles auch gelesen, Göthe und Hegel wohl verstehest. 5) Wer nicht mit uns ist, ist wider uns; wer wider uns ist, mir dem brauchst Du kein Mitleid zu haben, den mußt Du „zum Ruhme Gottes" verfolgen. 6) Man muß die Juden zu ihrem Heile zwingen, denn zuletzt ist auch das erzwungene Heil ein Glück, und wenn sie nicht gezwungen werden, laufen sie dem Satan in die Arme. 7) Zeige tiefe Verachtung gegen das jetzige Juden-