Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1855)
- Date
- 1855-09-24
- Page
- Seite 503 (sequence 9)
- Language
- German
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Fülle, während man den übrigen Elementar-Lehrgegenständen nur die stiefmütterlichste Pflege angedeihen ließ, dort glaubte man wieder seine Schule in hoher Blüthe, wenn man recht viel Geographie und Geschichte nebst einer Dosts Phyfik und Geometrie den Schülern beigebracht und die hebräische Sprache, diese heilige Reliquie der vergangenen Größe Jsrael'S, auS dem UnterrichtSplane gestrichen hat. Jede Schule ging von einem andern, nur nicht von jenem Gesichtspunkte aus, den der positive Boden des gründlichen Elementar-Unterrichtes und der guten Jugenderziehung gewährt. Der Grund dieser Uebelstände ist leicht einzusehen. Er lag in dem äußern Zustande der Schulen. Diese wurden vom Staate nicht überwacht, sie waren sich selbst überlaffen und wurden entweder von Uneingeweihten, die, den wahren Zweck der Schule verkennend, einem vermeintlichen Ziele entgegen arbeiteten, oder von Oberlehrern, welche, die hochwichtige Aufgabe ihres Lebensberufes nicht erfassend, ihre eigenen Zwecke auf Unkosten des Elementar-Unterrichtes verfolgten, oder endlich von Rabbinen geleitet, die nicft selten — horribile dictu — mit den Lehrern über ihre in Betreff des Unterrichtes verschiedenen Ansichten in einer beständigen Fehde lagendie meistens mit dem Ruin der Schule endete. Ich will indeß den geneigten Leser anstatt noch weiter in daS schauerliche Labyrinth bereits hingeschwundener Uebelstände lieber in den schönen Garten unserer frisch aufblühenden Schulen führen, über welche die neu aufgegangene Sonne des verjüngten und mächtigen Oesterreichs ihre wohlthuenden Strahlen ausfchüttet, um sie zur baldigen und gedeihlichen Reife zu bringen. Oesterreich hat seine jüdischen Unterthanen, wenn auch noch nicht politisch und materiell, so doch geistig emancipirt! Dieses beweist die wahrhaft väterliche Fürsorge, welche die hohe Regierung dem jüdischen Schulwesen zuwendet, und obschon wir noch keine jüdischen Lehrer-Seminarien und andere das - Schulwesen fördernde Institutionen besitzen: so ist der Grund desselben eher in dem ersten Stadium, auf welchem diese geistige Emancipation stehet, als in dem engherzigen Principe zu suchen, welches diese Bortheile bisher den Israeliten vorenthielt. Ja das jüdische Volkswesen in Oesterreich ist emancipirt. Lehrer und Schule stehen unter der unmittelbaren Aufsicht und Obhut der hohen Regierung. Ohne Approbation der hohen Statthalterei dürfen Lehrer we¬ 503 der engagirt noch entlassen werden. Schulbücher für jüdische Schulen sind unter der Presse, theils bereits erschienen und überall eingeführt und ein allgemeiner Unterrichtsplan für jüdische Schulen liegt vor, der den Unterricht regelt und seststellt. Nach dem neuen Schulplane sollen sämmtliche Hauptschulen vierclasfig sein. Diesen soll der formelle Unterricht Hauptsache und der materielle bloS Nebensache sein. Die Schüler sollen zuvörderst denken, die Sachen und deren Inhalt erst kennen und dann besprechen und beschreiben lernen. Aller Unterricht, dem nicht intellectuelle Anschauung zu Grunde liegt, soll aus der Schule verbannt werden. Dies ist die Grundidee deS neuen Unterrichtsplanes und erscheinen zur möglichen Realifirung desselben täglich eine Menge Schul- und Handbücher. Daß jedoch die Durchführung eines solchen Planes in jüdischen Schulen zumal, wo die deutsche und ungarische Sprache die Unterrichtssprache ist und auch dem hebräischen Unterrichte gebührende Rechnung getragen wird, auf Schwierigkeiten, große Schwierigkeiten stößt, wird wohl jeder erfahrene Schulmann leicht einsehen. Wie wünschenSwerth wäre eS daher, wenn auch in Ungarn, nach dem nachahmungswürdigen Beispiele anderer Länder und Confessionen, jüdische Pädagogen von Zeit zu Zeit zu Lehrer-Conferenzen zusammentreten, und durch gegenseitigen Austausch ihrer Ansichten und auf dem Gebiete der Pädagogik gemachten Erfahrungen diese hochwichtige Frage lösen würden. Man täusche sich nur nicht über die Wichtigkeit dieses Punktes! DaS religiöse Leben des Israeliten ist mit der hebräischen Sprache so innig verknüpft, daß die Cultur der letztern, trotz der mannichfachen Bibel-Surrogate, deren die Neuzeit so viele geliefert, nur auf Unkosten des erstern vernachlässigt werden kann. Der Unterricht in der hebräischen Sprache, namentlich der Bibel im Urterte, ist daher schon durch das religiöse und rituelle Leben des Israeliten so sehr bedingt, daß derselbe inder Volksschule schon die sorgfältigste Pflege verdient. Doch hiervon, wenn Sie eS erlauben, ein andermal. Schließlich kann ich nicht umhin, noch der hohen Verdienste zu erwähnen, die der k. k. Schulrath Herr Dr. M. Haas um die Verbesserung des jüdischen Schulwesens hat. Mit der menschenfreundlichsten Güte und Liebe für daS UnterrichtSwefen überhaupt besucht er auch jede noch so unbedeutende jüdische Schule, prüft 39