Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1855)
- Date
- 1855-09-17
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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488 unter dem Arm zeigt den Subscribentensammler an; seelenvergnügt verläßt er eben das Local der De la Torre'schen Buchhandlung. Der gelehrte und verdienstvolle Factor derselben, Herr S. G. Stern, hat ihm gewiß billige Bedingungen für den Druck eröffnet, ihm einen Theil seiner kostbaren Zeit gewidmet und seine bescheidenen Anpreisungen angehört, in welchen er Maimonides und Alfafi zu verdunkeln droht. Ein Anderer hat seinen Pegasus in der geweihten Sprache Salems getummelt und betritt nun als Nebenbuhler Juda Halevi's und Gabirol'S mit einer lyrischen Sammlung die Arena der Oeffentlichkeit, siegesbewußt der großen Thal, gewisse Gleim'sche Fabeln und Lessing'sche Sinngedichte hebräifirt zu haben. Während die elegante Bevölkerung dem heißen Pflaster und dem Staub der Hauptstadt entflieht und Alles, waS nur Füße hat, in der Villeggiatur Naturgenuß und Verjüngung sucht, hat jener Rabbiner mit der Gemahlin selbstverläugnend gerade hier seine Sommerferien abzuhalten beschlossen, um den studirenden Sohn zu besuchen oder Töchter von Betragen in die Pension zu bringen. Dort wankt eine blasse Gestalt mit dem Stempel deS SiechlhumS in den abgelebten Zügen; ihn führte die ewig junge Hoffnung hieher, von der Hand der weltberühmten Söhne AeSculapS in der Kaiserstadt Rettung und Heil von langjährigem Leiden, das verlorene Augenlicht oder die entschwundene Jugendkraft wieder zu erhalten. Wenn hier ihn seine Erwartung täuscht, wenn ihm hier nicht Hygiea ihren besten Labetrank reicht, dann bricht der Stab seines leidensvollen Daseins, dann giebt eS keine Hülfe mehr für ihn durch die lebenverlängernde Kunst. Einem Andern gab die bleiche Noth die letzte Kraft zur Reife, um den harrenden Seinen einen Tribut von der Milde seiner Glaubensgenossen zu überbringen. Fehlt eS doch nirgends an motivirter und unmolivirter Noth in den Wohnungen Israelis, und ewig bewährt sich das göttliche Wort yrss birp-sb -o. — Bielen dieser Fremdlinge sieht man es an, daß sie zum ersten Male eine größere Stadt betreten, ja zum ersten Male das Gebiet deutscher Sprache und deutschen Lebens begrüßen. Und so bin ich denn hier, dem Orient um ein paar hundert Meilen näher gerückt, wenn auch nicht inmitten der großen, doch der vielen kleinen orientalischen Fragen. — ES ist Freitag Abends; zwar fehlt noch eine halbe Stunde bis zum Beginn des Gottesdienstes, aber schon ist die enge Seitenstättengasse von Hunderten erfüllt, die der Eröffnung deS Tempels harren. Ist eS Neugier, ist es der Drang, nach langer Reise und nach den Mühen der Werkeltage wiederum in einem GotteShause Israel'- zu beten: genug, es find fast lauter Fremdlinge, die sich aus aller Herren Ländern hier zusammengefunden; und der Tempel empfängt fast alle acht Tage eine neue Gemeinde in seinen Räumen. Die einheimische Bevölkerung ist spärlich vertreten; großmüthig hat sie ihre Sitze den Fremden überlassen und sich ihr Recht nur für die hohen Feiertage Vorbehalten. Welche babylonische Sprachverwirrung ertönt nun in der engen Gasse! Immer dichter wird der Strom der Harrenden; und die Polizei verzichtet rücksichtsvoll genug heute auf ihr Machtwort und beschwört nur durch ihre Diener höflich den Menschenknäuel, den Wagen und Fußgängern einen engen Durchgang zu verstatten. Welche bunte Mischung deS Stammes und der Heimalh! Die deutsche Tracht wechselt mit dem langen polnischen Rock, und nicht vermissen wir den Kaftan und das rothe FeS deS Morgenlandes, nicht die dunkle Wange, unter Smyrna'S und Byzanz's Himmel gebräunt. Wohl manchen dieser Beter hat ein Zug deS Heimwehs hiehergetragen. Bei ihm zu Hause am Tische eines frommen greisen Vaters oder an der Seite der trauten Gattin hat noch keine moderne Zeitidee dem Sabbath sein schönes Recht entrissen; dort thront noch der König der Tage in seinen fürstlichen Ehren und streut die ewigen Blüthen seiner Poesie und Begeisterung auf das Haupt und die Hütte deS Gläubigen. Bis in die tiefe Nacht ertönen die glühenden Feiergesänge des -ns und des sbir pp, und der vorüberrauschende Zeitstrom nimmt stolz einen Tag in seinen Schooß auf, den GotteSwort und hoher Menschenglaube so unendlich geheiligt und geschmückt. Hier aber, in der öden Entfremdung der Großstadt, wo sollte er hier den Sabbath feiern! Wo ein genußvoll materielles Leben sich zwischen das Herz und seine Erinnerungen drängt, wo jede hohe Empfindung sich an kalter Weltlichkeit zu Tode blutet und für jede ächte hohe Regung sich das Papiergeld einer Phrase findet, wo fände er hier einen Gastfreund^ unter dessen Dach der Sabbath durch goldene Triumphespforten einzöge mit seinem lieblichen Gefolge? — So will er denn wenigstens im Gotteshause dem ho-