Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1855)
- Date
- 1855-09-17
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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485 gaben; sie allein bestanden darauf, zu denken und blieben in dieser schrecklichen Stunde das geheimnißvolle Bewußtsein der verfinsterten Erde, die Araber entnahmen von ihnen die Fackel, von den Arabern die Christen. Unterdrückt durch die einen und die andren, bestanden die Juden im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert einen grausamen Verfall, nichts desto weniger blieben sie in Spanien (eben so und mehr wie die Mauren) das cioilifirte Volk, ihre Zerstreuung in Europa war so zu sagen die Invasion einer neuen Civilisation; Alles erfuhr den geheimen und darum mächtigern Einfluß der spanischen und portugiesischen Juden." Dies ist ein glänzendes Commemarstück zu unserer „Sendung Jsrael's"! Neulichst begann der Consistorialrath Appuhn in Magdeburg seine Predigt — die auch gedruckt erschien — mit folgenden Worten: „Es giebt kein wunderbareres Volk als das Volk der Juden; sie find der Adel unter den Nationen; kein Stammbaum ist älter als der ihrige; sie sagen, auch jetzt noch: „Wir find aus Aegypten gezogen, wir haben in Canaan gewohnt"; ein Volk ohne König, ohne Priester, ohne Hcimath, ohne Vcrfaffung, ohne Zusammenhang, und doch ein Volk; ein Volk, Las so viele andere Völker, die cs verfolgt, geknechtet, zcrtrercn haben, überlebt hat, ein Volk, das bleiben wird bis an's Ende der Tage; ein Volk der höchsten Ehren, ein Volk der tiefsten Schmach, mit allen Tugenden vor andern geschmückt, mit allen Lastern vor andern geschändet; der erstgeborene Sohn, das Eigenthum, der Erbe Jehovah's, und doch vertrieben aus dem Lande seiner Vater; das beste, das wir wissen, die höchste Weisheit haben wir von den Juden gelernt; Gottes Verheißungen, wie Gottes Drohungen, Gottes Gnade, wie Gottes Gerechtigkeit werden an den Juden wie sonst nirgend offenbar; kein Volk, das die Vürgschast einer solchen Zukunft hätte. Geliebte! In diesen Tagen ist die Kirche unseres Vaterlandes gemahnt worden, der Juden zu gedenken. Der Herr hat die Juden in unsere Mitte gestellt, daß wir uns bei ihrem Anblicke daran erinnern sollen, was wir ihnen, schuldig sind. Wir dürfen sie nicht verachten und verspotten, wir dürfen nicht mit ihnen umgehen als mit unseres Gleichen; sie find der Oelbaum, wir find die eingcpfropften Zweige; wir tragen die Wurzel nicht, sondern die Wurzel trägt uns; wir haben ihr Erbe empfangen; Japhet wohnt in Sems Hütten; das Heil kommt von den Juden." Es versteht sich von selbst, daß an diesen Anfang der christliche Theologe seinen Theil knüpfte. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Oldenburg, 24. August. (Privatmitth.) Heute fand hier die Einweihung der Synagoge unter allgemeiner Theilnahme statt. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin beehrten die Feier mit Ihrer Gegenwart. Die Weihe fand in der gewohnten Weise sehr erbaulich und erhebend statt. Herr Landrabbiner Wechsler hielt eine sehr gediegene Festpredigt, die auch im Druck erschienen. Gedankenreich, in gemessener Sprache, voll wahren religiösen Geistes, regt sie den Hörer in mächtiger Weise an. (Nachdem wir die Predigt empfangen und gelesen, können wir das Urtheil des geschätzten Correspondenten nur bestätigen. Red.) Aus dem Hannoverschen, 20. August. (D. A. Z.) Am 6. August ward in Verden eine feierliche Handlung erecutirt, welche ihrer Seltenheit wegen wohl öffentlicher Mittheilung werth sein dürfte. Ein junges Mädchen aus Hamburg, katholischer Religion, ging nämlich aus Liebe zu ihrem Bräutigam zum Judenthum über. Obgleich dieselbe, wie das Gesetz eS erheischt, durch den israelitischen Geistlichen andauernd von einem solchen Schritt abgemahnl wurde, so bestand sie doch fest darauf, die Pflichten einer wahren Jüdin mit Eifer zu erfüllen, und ward endlich, da sowohl christliche als jüdische Abmahnungen sie nicht in dem einmal gefaßten Vorsatze wankend machen konnten, nach überstandener Prüsungszeit und unter Veränderung ihres Namens Maria in Mirjam durch den Landesrabbiner Dr. Heilbut öffentlich unter die Bekenner alttestamentlicher Lehre ausgenommen. Fulda, im August. (Privatmitth.) Auf einer Reise durch Niederhessen machten wir unlängst die erfteuliche Wahrnehmung, daß unter dem dorrigen jüdischen Lehrerstande außerordentliche Rührigkeit und Strebsamkeit herrscht; da ist kein Zeichen von Stagnation, von Gleichgültigkeit gegen den Beruf wahr-