Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1855)
- Date
- 1855-09-10
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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478 entwerfen, darf man nur ihre neueren Bestrebungen aus dem Boden deS gottesdienstlichen Cultus geben und wir werden ihre Culturßufe erkennen. Mannheim ist eine Gemeinde von circa 350 jüdischen Familien, die fast durchgängig wohlhabend, ja reich find. Reiche Sttftungen der Altvordern find hier niedergelegt. Die sogenannte „Klause", ein Beth-Hamid rasch, gestiftet von Rabbi Lämmle MoscS Reinganum mit einem Capital von Zweimalhunderttauscnd Gulden, ein Primator, drei Rabbinen, zehn sogenannte „Beter", die jeden Tag den Gottesdienst in der Klause zu besuchen haben, ein Vorbeter und ein Synagogcndiener find angestellt. Der edle Stifter verschenkte eine schöne Befitzung, das „Mühlau- Schlößchen", dem Staat, damit dieser die amtliche Deauffichtigung seiner Stiftung übernahm. Und was ist jetzt diese edle Sttftung geworden? — nichts als eine reiche Pftünde, und die Angestellten find Pfründner, die, wenn fie nicht in Privatstudium ihre Thätigkeit finden, im Nichtsthun die Zeit verttäumen. — In der Klause find die jüdischen Volksschulen untergebracht, an deren Spitze Herr vr. Wolf steht; es waren gerade Ferien und wir konnten darum das dortige Schulwesen nicht kennen lernen. — Eine weitere Stiftung ist die „Maierschule", eine Synagoge, mit Pfründen. Der Stifter dieser Synagoge, genannt „Maier Stuttgart", soll Secretair und Verwandter des in Stuttgart Hingerichteten unglücklichen jüdischen Finanzministers Süß Oppenheimer gewesen sein und einen Theil von dessen Vermögen gerettet haben. — Das jüdische Hospital ist reich dotirt, und so find der Stiftungen noch viele und reiche, die Edles leisten und noch Schöneres leisten könnten. Würden nur diese reichen Mittel dem intelligenten jüdischen Gemeindevorstande vor die Augen in einer passenden Monographie geführt, und es würden die Vorschläge von selbst erwachsen, wie dieselben zeitgemäß im Sinne der edlen Stifter verwendet werden könnten. Herr Rabbiner vr. Wagner als Angestellter an der Klause sollte die Arbeit unternehmen, die Geschichte der Klause und der übrigen Stiftungen in Mannheim in einer Monographie zu geben, gewiß würde der Redacteur dieser Blätter gern auch diese Spalten einer solchen Arbeit öffnen. Wenn cs nicht unbescheiden klingt, wollen wir Herrn vr. Wagner an dieses Unternehmen erinnern, da derselbe uns zugcsagt, die Arbeit zu übernehmen. — Die Gemeinde Mannheim aber war bis jetzt, trotz ihrer reichen Stiftungen, ihrer vielen und gut dorirtcn Rabbinen, ihrer Wohlhabenheit und Intelligenz eine verwahrloste in Bezug auf den gottesdienstlichen Cultus. Tie Synagoge hatte ihre alten Stammgäste, aber auch nur diese; die Jugend war zu blafirt, indifferent, um für Gottesdienst Zeit und Interesse zu haben. Da erwachte in dem Vorstande der Wunsch, Religion und Cultus zu beleben und der erste Schritt war, eine Synagoge zu bauen und einen tüchtigen Rabbinen zu berufen. Beides ist erfolgt, die prachtvolle Synagoge steht, ein würdiger Rabbine ist geworden, ob aber die Regeneration des Judenthums in der Gemeinde dadurch allein erzielt wird, müssen wir bezweifeln. — Doch zur Synagoge und deren Einweihung. Das Gotteshaus ist im byzantinisch -gothischen Styl aufgcführt. Das Gebäude, ein längliches Viereck, steht mit der westlichen Giebelseite an der Straße. Ein großes, gewölbtes Portal und zwei kleinere Eingänge rechts und links führen in die schönen Hallen, die von drei Colonnadcn begrenzt find, auf denen Galerien ruhen. Im Osten und Westen am Giebel find Sternfenster mir farbigem Glase angebracht. Die heilige Lade grüßt den Besucher unter einem reichen Vorhänge von seinem etwas mystischen Halbdunkel, durch den dunklen Ton der Plafondmalerei hervorgebracht, von Morgen her; nichtjüdisch erschien uns, daß der „heilige Gottesname" unter einer Sonne über der heiligen Lade steht; überhaupt schien es.mir, daß die jüdische Theologie bei dem Bau nicht zu Rathe gezogen worden; denn die Krcuzesform am Giebel außen und an dem Getäfel der Galerie find Reminiscenzen christlicher Architektur. Vor der heiligen Lade find der Schulchan rechts, und links die Betpulte für Rabbinen und Vorbeter. Die Säulen find römisch, die Ornamentik maurisch; über den zehn Säulen stehen die Zehen-Gebote. Der Plafond ist in zwei Kuppeln gewölbt, mit reich vergoldeter Ornamentik verziert. — Auf der westlichen Galerie ist die von Walker aus Ludwigsburg gefertigte Orgel angebracht, unter und um ihr steht der Sängerchor. Die Kanzel von Holzschnitzwerk ist auf der südlichen Längsseite unfern von der heiligen Lade; fie ist nicht sehr akustisch angebracht, denn während wir vom Schulchan aus bei der Erklärung der Haphthora des Predigers wohlklingende Stimme deutlich vernahmen, ist uns von der Kanzel aus manches Wort verloren gegangen, was mir mir viele Synagogenbcsucher erfahren haben. Das Schiff der Synagoge ist mit Stehpulten für die Gemeinde ausgefüllt, durch die mitten hindurch ein breiter Gang führt. Unter den Colonnadcn fitzt die Schuljugend. Reiche Candclabers beleuchten mit Gaslicht die heiligen Räume. Vor der heiligen Lade hängt die filberne Lampe, mit rother Flamme züngelt darauf das