Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1855)
- Date
- 1855-09-10
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
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477 ken und erprobten Glaubens unsrer Väter." Wir halten diese Worte für eine arge Begriffsverwirrung. Seit Moscheh hat das Judenthum niemals denen einen Zwang angethan, die sich aus ihm entfernen wollten: ich kenne kein Auswanderungsverbot in Israel, ja die Ausgewanderten, wie Noemi, konnten immer wieder zurückkehren — seit Moscheh hat daS Judenthum Niemandem den Eingang verwehrt, sobald er in voller Ueberzeugung, ohne sichtbare äußere Absichten, sich beschneiden ließ und daS Gesetz Jfrael'S über sich nahm. Also von einer „chinesischen Mauer" wußte daS alte Judenrhum und weiß das „moderne Judenthum" nichts. Aber nicht bloS das moderne Judenthum, sondern auch daS alte Judenthum wollte Wahrheit der Ueberzeugung, und die Alten sind es, die da sagen: „Jeder Proselyt (na) ist der Synagoge eine Last." Beide waren und sind von jeder Proselytenmacherei entfernt, weil: die Lehre und daS Sittengesetz Jfrael'S für die ganzeMenschheit, aber das besondere Formgesey nursür die Söhne Jfrael'S ist! Eine Bekehrung zur Lehre und zum Sittengesetz des Judenthums gehl, so glauben wir, durch die ganze Geschichte der Menschheit vor sich, geht vermittelst der Entwickelung der Menschheit, der Verbreitung unsrer heiligen Schriften und der Verklärung deS Judenthums selbst vor sich — nicht aber daß einige Einzelne in den Glaubensverband Jfrael'S eintreten und sein ganzes Formgesetz über sich nehmen. DieS ist es, was die Geschichte und die ganze Anlage des Judenthums und der Menschheit lehrt; dies ist eS, was unsre Propheten verkünden und unsre Weisen aussagen (die ja in der messianischen Zeit auch für Israel das Formgesetz aufheben lassen —), und das sind doch keine Männer deS abgeschwächten Glaubens! Correspondenz. Mannheim, im Juli. Ihr Correspondent aus Württemberg unternahm eine Ferienreise, Mannheim war sein nächstes Ziel, um dort die am 29. Juni stattzuhabende Synagogen - Einweihung mit anzusehen. Auf der Fahrt nach Mannheim hatte ich meinem jüdischen Profil eine interessante Bekanntschaft zu verdanken. Ein Mann, dessen orientalischer Gefichtsschnitt auch den Juden repräsentirte, wurde mein Sitznachbar, Jeder von uns ließ in der Conversation seine Fühler los, um dem Andern auf den Grund zu kommen und nach einer Viertelstunde waren schon unsere Karren gewechselt, mein Reiscgenoffe war vr. I. Mayer aus Straßburg, langjähriger Mitarbeiter der Augsburger Allgemeinen fürs Verkehrswesen und Director einer französischen Eisenbahnlinie. Vom jüdischen Volkslehrer hat sich der Mann auf diese schöne Stellung geschwungen und während unsrer kurzen Bekanntschaft konnte ich doch erfahren, daß Bayern, das Geburtsland des vr. Mayer, demselben Auszeichnungen von seinen höchsten Staatsbeamten zu Theil werden ließ, die es ihm gesetzlich als bayerischer Jude hätte nicht angedeihen lassen können. Sein ftanzöfisches Bürgerthum aber war der Fittich, unter dem der bayerische Jude verdeckt wurde. Eine Anekdote, die mir mein Reisegefährte mittheilte, will ich hier wicdergeben, um unsre deutschen Zustände zu kennzeichnen. — Der Cabinets- Courier des Kaisers Louis Napoleon auf der Route Paris-München ist Jude, derselbe sah auf den bayerischen Bahnen öfters, daß Conducteure Handelsjuden mit Zwerchsäcken auffällig schikanirten und ein Conducteur zeichnete sich besonders als Judenfeind aus und machte von dieser Gesinnung auch gar kein Hehl. Sein Unstern wollte aber, daß durch sein Verschulden das Reisegepäck des Courier» mir wichtigen Papieren verladen wurde, die dringende Depeschen enthielten. Der Courier beschwerte sich und der Conducteur wurde seines Amtes cassirt. Das ist die Ncmcfis und der Franzose verheimlichte gar nicht, daß ein wenig Rachczefühl bei seiner Handlungsweise mitunterlauftn. — Ich mag dies nicht rechtfertigen, denn lieber gedrängt als ein Dränger sein; aber ob Patriarch oder Eisenbahnconductcur, Staatsrath oder Bettelvogt, der Refrain ist der gleiche: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" In Mannheim angclangt, besuchte ich am andern Vormittag den ersten Stadtrabbiner vr. Präger, ein Mann, bekannt als tüchtiger Gelehrter und geübter Kanzelredner, was ihm auch den Ruf als Rabbinen an die Gemeinde Mannheim zuzog. Meine Eigenschaft als Correspondent der Zeitung des Judenthums und die Güte des Herrn vr. Prager verschafften mir eine Einlaßkarte zur Einwcihungsfeier der neuen Synagoge zu Mannheim und dazu noch einen Sitzplatz, wofür Andere zwei bis drei Kronenthaler bezahlen mußten. Eine Synagogcneinweihung zu beschreiben, ist etwas Veraltetes, aber um ein Bild einer der ersten jüdischen Gemeinden Süddeutschlands zu 37