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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-09-10 · Heft 37 (10.9.1855) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 37 (10.9.1855)
Date
1855-09-10
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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472 Andeutung davon, daß die ehemaligen Juden in Spanien sich in der Aussprache von ihren Landsleuten unterschieden Härten. Wo demnach bei CultuSreformen nicht ganz unübersteigliche Hindernisse entgegenstehen, da ist dieses Moment sehr zu empfehlen. Wenn ein correcterer und schönerer Gesang erwirkt wird, warum nicht auch eine solche Aussprache? Und dabei der praktische Vortheil, den Welrleuten sagen zu können: hier habt ihr einmal etwas ganz Neues! WaS die Predigt anbelangt, so leidet diese hier an einem tiefen Schaden, den alle Begabung der Redner nicht überwiegl. Die friedliche suste-milieu-Stellung des Tempels als eines separirten Instituts innerhalb der Gemeinde verbietet ihm, zwar nicht durch äußeren Zwang, doch durch innere Nöthigung, alle eindringende Polemik. Wäre es den Predigern gestattet, gegen die Lehren und Thaten der heutigen Orthodoxen zu Felde zu ziehen, auf der Kanzel den Schleier von den Gestalten der angeblich Staat und Kirche vertheidigenden Zionswächter zu ziehen, die tiefe Lüge zu beleuchten, in der sich der ganze Schwarm der heutigen stellenjagenden Alt-Neu-Schüler und Jerusalems-Schmachter bewegt, so hätten sie ein schönes Feld, und gewiß immer ein sehr volles Auditorium. Aber, der Friede der ganzen Gemeinde besteht um diesen Preis, und daran liegt unstreitig mehr als an einem Predigtvergnügen. Deswegen aber bleiben sie vorzugsweise auf das sogenannte rein Positive angewiesen, was wiederum, da das Feld der eigentlichen rationalistischen Gläubigkeit bald durchwandert ist, meist immer auf daS Moralisch-Erbauliche herauskommt; und da hier wiederum gegen grobe Vergehungen, als Völlerei, Unzucht, Spitzbüberei, eheliche Unverträglichkeit, Unbarmherzigkeit u. s. w. loszudonnern kein Anlaß ist, so bleibt meist nur das Familienleben, die Kindererziehung u. s. w. übrig. So etwas hört sich aber, wenn auch meisterhaft vorgetragen, wohl eine Zeit lang gut an, aber nicht auf die Dauer der Jahre. Früher hatten wir wenigstens die rührende Klage über die bürgerliche Bedrückung der Juden, die hat aber hier aufgehört, und auf auswärtige Verhältnisse anzuspielen, daS geht wohl hin und wieder, darf aber nicht oft Vorkommen.*) *) Die Bemerkungen des verehrten Correspondenten find, wie er selbst sagt, in localen und sicher auch persönlichen Verhältnissen begründet, treffen aber die jüdische Predigt im Allgemeinen durchaus nicht. Der Be- WaS nun die Thora-Vorlesung anbelangt, so hätte man vielleicht das Aufrufen von 7 resp. 5 Personen von vorn herein abschaffen sollen; eS jetzt zu thun, wäre jedoch höchst zweckwidrig, da nicht nur die obligatorischen Alioth für Neuverehelichte, Ehemänner, deren Frauen Kirchgang Hallen, Jahrzeiten und dergleichen verlangt werden, sondern auch die Gesammtreihe der Tempelmirglieder sehr darauf hält, von Zeit zu Zeit, und namentlich waS Greise oder Vornehmere betrifft, an Festtagen „aufgerufen" zu werden. Nicht selten ist es vorgekommen, daß Männer, die sonst wenig oder nichts vom jüdischen Ceremonialwesen üben, wegen Versäumnisse oder vermeintlicher Zurücksetzung dieser Art, den Directoren, welche die Alioth durch Karten auStheilen, oder gar dem ganzen Tempelinstitut gram geworden sind. Daß übrigens ohne Cantilene (Regina, Tropp) gelesen, respective declamirt wird, macht auf die Länge auf den aufmerkenden Zuhörer, der nur einigermaßen die Urruf der jüdischen Predigt: 1) die welthistorische und menschengeschlechtliche Mission des Judenthums zu verkünden, zu beleuchten, zu erweisen; 2) polemisch gegen alles Heidenrhum — außerhalb und in feinem Schooße — aufzutreten, dem Materialismus sowohl als Meinung als auch als praktischer Lebensrichtung und den Angriffen andrer Confessionen offensiv und defensiv zu begegnen; 3) für die Geschichte und das Bewußtsein als Jude zu begeistern; 4) zur Treue an Religion und einem wahren religiösen Lebenswandel — nicht blos sittlichen — aufzufordern; 5) den Inhalt und Gehalt des Judcnthums, der heiligen Schrift und anderer religiöser Geistesproducte des Judenthums durchzuarbeiten: dieser Beruf ist so reichhaltig, voll Wechsels und großer Momente, daß sicher der begabte und davon erfüllte Prediger daran genug hat. Das leere Auditorium hat noch andere Gründe, z. B. daß die Juden am Sabbath ihre Geschäfte treiben, und daher keine Lust haben, zur Predigt zu gehen, während vielleicht einige Thaler verloren gehen könnten; der Mangel an Vergnügen, sich mit metaphysischen Dingen zu beschäftigen, während „Pepila" ranzt, „Bazzini" spielt und die „Papiere" steigen oder fallen, u. dgl. m. — Die Predigt hat den Zweck, mitten in den stereotypen Theil des Gottesdienstes das bewegliche Moment hineinzubringen, mitten in die das Gemüth beschäftigenden Gesänge und Gebete auch Etwas für das Denken zu schaffen — und darin liegt ihre Unentbehrlichkeit, während ihr Werth in ihrem Inhalt zu suchen sein muß. Siehe übrigens hierüber, was wir schon 1835 schrieben, und dadurch noch einmal unterschrieben, daß es wieder ausgenommen ist in der zweiten Ausgabe unsres Predigt- und Schulmagazins 1854. S. 364. Redact.

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