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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-09-10 · Heft 37 (10.9.1855) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 37 (10.9.1855)
Date
1855-09-10
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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470 Recht habe, den öffentlichen Gottesdienst nach ihrem Geschmack und Bedürfniß auf jüdischer Basis einzurichten und daß es dann gar nicht darauf ankomme, ob man Ueebs Dody und daS lange mebu Radium noch benutze oder nicht. Die hiesige Tempelgemeinde aber hat den Geschmack und das intuitive Bewußtsein, daß sie und unser ganzes Geschlecht weder die Grundkraft, noch den konsequenten Sinn, noch die Gläubigkeit, noch die Wissenschaftlichkeit besitze, um ganz neue Dogmen (wenn auch nur secundäre) aufzustellen und durchzuführen. Liebe zu der jüdischen Gesammtheit sowohl, als die höhere Klugheit der Selbsterhaltung gebieten ihr, schlechterdings keinen scharfen Riß zwischen sich und den Mitbrüdern aufkommen zu lassen. Wie sehr nicht nur die Leiter, sondern jeder Einzelne von diesem Gefühl durchdrungen sei, möge der Umstand beweisen, daß man nie am Sabbath Hiesige zu Wagen vor den Tempel kommen sieht, obgleich die größere Hälfte der Tempelmitglieder sonst keinen Anstand nimmt, am Sabbath zu Wagen zu fahren. Eben so fällt eS ihnen nicht ein, bei öffentlichen Verwaltungen und dergleichen irgendwie sich als etwas Besonderes geriren zu wollen. Und in diesem Sinne ist denn auch ihr CultuS eingerichtet: er ist und soll sein ein accomonodirendes Compromiß zwischen verschiedenen Richtungen des jüdischen Lebens. Von den hierauf begründeten Einrichtungen hat sich Folgendes in der Erfahrung herausgestellt. Die Orgel ist größlentheils entbehrlich. Wenn sie den wirren Choralgesang einer großen Gemeinde bedeckt, so hemmt sie jedoch die musikalische Ausbildung des Sängers, zumal deS Knabenchors. Ihre Anwendung sollte auf wenige Piecen und auf gute, nicht allzulange Präludien beschränkt werden. Die deutschen Choralmelodien hat man hier, wie überall, wo sie eingeführt sind, mit Unrecht den deutsch-protestantischen Chorbüchern entlehnt. Schon zeigt sich überall, daß die Christen der langweiligen secunbenlangen Tacre müde sind, daß sie sich dem rhythmischen und dem Figuralgesange zu nähern suchen: warum sollen denn die Juden den Abhub dieser abgegessenen Tafeln genießen? Warum sollten sie, mit ihrer angeborenen lebhaften Sprech- und ActionSweise, sich dieser ganz entgegengesetzten Manier hingeben? Ich glaube kaum, daß es — um von uns Aelteren gar nicht zu reden — in allen dm Jahren — einer einzelnen männlichen oder weiblichen Person eingefallen ist, selbst in der religiösesten Stimmung einen dieser Choräle nach der vorgeschriebenen Melodie zu Hause zu fingen, wenn gleich Fälle, wo sie die Gesänge zu diesem Zweck lesen, gar nicht selten sind. ES giebt bei uns deutschen Juden nur wenige, es seien übernommene oder originale Melodien zu deutschen Chorälen, die diesem Urtheil entgehen. Bei der musikalischen Begabung vieler deutscher Juden wäre zu erwarten gewesen, daß wir der Welt eine ganz neue Gattung von Kirchenmusik gezeigt hätten. Statt dessen hat überall blos die Lust der Nachahmung vorgeh errschl und zu einer Langweiligkeit aller deutschen Synagogenlieder geführt, die bei uns noch weit weniger angebracht ist, als bei unfern christlichen Mitbrüdern. Man darf wohl sagen: je ächter und je strenger der Kirchenstyl in Melodie sowohl als in Harmonie, je weniger paßt er für uns. Das Aeußerste, was wir in dieser Richtung wagen dürfen, daS ist die Aneignung deS Styls, in welchem die bekannten PreghieraS in Opern wie Zaubersiöte, MoseS, Jüdin, Stumme, Freischütz, Nachtlager u. s. w. geschrieben sind.*) Die Confirmation hat sich nicht von nachhaltiger Wirkung bewiesen. Nicht zwar, daß erwartet würde, die confirmirten Juden würden sich nun im Leben als vorzugsweise moralisch und religiös gesinnt zeigen. Allein wenn dieser neu eingeführte Act — insofern er mehr ist als ein bloßes Schlußeramen über genossenen Unterricht — irgend eine Wirkung haben soll, so muß diese doch in einem festeren Anschließen an die israelitische Gemeinschaft bestehen. Das ist aber eigentlich nie der Fall. Wir haben sehr viele Erempel, daß der Religionsunterricht, so mager er auch mitunter ausfällt, eine Wärme für daS Judenthum bei jungen Mitgliedern von Familien weckt, wo dieses Gefühl für längst erloschen galt; allein von einem speciellen spätern Eindruck der „öffentlichen Einsegnung" zeigt sich nichts. Und wirklich scheint dieser Act dem Geiste deS jüdischen Cultus nicht ange- *) Der verehrte Korrespondent hat hier ganz und gar unsere, oster schon angcdeulcte Meinung ausgesprochen. Aus dieser Ansicht ist unser „Kleines israelitisches Gesangbuch" mit seinen rhythmischen Liedern hervorgezangcn, und daraus ist das schnelle Glück zu erklären, das es in allen Landern deutscher Zunge gemacht. Redact.

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