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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-09-02 · Heft 36 (2.9.1855) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 36 (2.9.1855)
Date
1855-09-02
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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462 — Zwar hat sich nun daS „Rabbinat" in einer freiwilligen Erklärung dahin geäußert, daß alle Veröffentlichungen „ohne fein Wissen" geschehen seien — aber über den eigentlichen Sachverhalt hat es doch gänzlich geschwiegen. Daß der Vorstand diese Erklärung in den Blättern hat abdrucken lassen, giebt den beiden Herren nur um so mehr Relief, und es ist offenbar, daß die Rabbinatsautorität durch die ganze Geschichte gewachsen ist. Dies vermögen Lärmschlagen und politische Drohungen! Nur die Bemerkung fügen wir hinzu, daß Herr rc. Sachs jetzt die Früchte seiner Saat erntet — er hat so lange den „Frommen" hofirt, hat die gänzlich gesunkene Autorität der alten Rabbinen so viel gepflegt — um an ihrem Nimbus Theil zu nehmen — daß er nun ihr Dementi in die Tasche stecken muß. Es giebt bekanntlich in Deutschland keine Synagoge mehr, wo eS so horrend zugeht, wie in der großen Synagoge zu Berlin!.... Posen, 19. August. (Privatmitth.) Wer die in Nr. 33. dieser Zeitung enthaltene Privatmittheilung auö Kozmin d. d. 2. August liest, muß glauben, die hiesige jüdische Gemeinde habe vor Kurzem ein Sebastopol en miniature abgegeben. Da wird von einer Schlacht gesprochen, die geschlagen und von einem Kampfe, der beendet ist. Ich eile darum, die Gemüther derjenigen in Israel zu beruhigen, die vielleicht wegen der in der Schlacht Umgekommenen oder Verwundeten besorgt sind, um sie zu benachrichtigen, daß hier weder eine Schlacht geschlagen worden, noch irgend ein Kampf stattgefunden hat, ja, daß sogar die, dem pathetischen Ausrufe: „Die Schlacht ist geschlagen, der Kampf beendet" folgenden Worte: „und auf dem RabbinalSstuhIe zu Posen sitzt jetzt Herr Rabbiner Löwenstamm aus Fraustadt" der Wahrheit entbehren. Der hiesige Rabbinerstuhl ist und bleibt unbesetzt. DieS stand bereits fest, als im vorigen Jahre die Wahl der Gemeinde-Repräsentanten und deS Vorstandes beendet war, indem nämlich in beiden Körpern die Majorität der Mitglieder der Brüdergemeinde angehörte, die keines Gemeinderabbiners bedarf, weil sie ihren eigenen Seelsorger hat, dessen Händen ihre cultuellen Angelegenheiten anvertraut sind. Damals wurde bald den sogenannten Orthodoxen, die früher bereits bei der Regierung um einen Rabbiner petirt halten, dies Verlangen rundweg abgeschlagen, dafür jedoch daS Versprechen gegeben, zwei Dajanim anzustellen. Dies Versprechen haben die Repräsentanten nun dadurch erfüllt, daß sie dem Herrn S. Levi, der seit Jahren als Dajan hier fungirt, einen Gehalt festgesetzt und unter den wenigen Männern, welche zu diesem Behufe rabbinische Zeugnisse eingereicht hatten, Herrn Rabbiner Löwenftamm auS Fraustadt ohne allen Kampf, sondern in aller Ruhe und Stille zum ersten Dajan gewählt. Es freut uns, aus der Kozminer Privatmittheilung zu ersehen, daß Herr Rabbiner Löwenftamm „vortreffliche Eigenschaften" besitzt, woran wir übrigens, da wir Herrn Löwenstamm seit längerer Zeit persönlich zu kennen daS Vergnügen haben, keinen Augenblick gezweifelt; bemerken jedoch, daß er durchaus nicht nöthig haben wird, „auseinander gerissene Herzen wieder zu vereinen, damit das Band der Liebe und Eintracht alle Parteien umschlinge". Dieses Band ist hier nämlich durchaus nicht gelockert, da hier die verschiedenen Cultus-Verbände ganz friedlich neben einander eristiren. Diejenigen Gemeindemitglieder, die an dem unveränderten, mittelalterlichen Gottesdienste Gefallen finden, besuchen die alte oder neue Schule, oder eines von den vielen anderen Vereinsbetlocalen, und diejenigen, welche einen mehr geregelten Gottesdienst lieben, treten der, einem gemäßigten Fortschritte huldigenden Brüdergemeinde bei, sofern sie noch Raum in deren bereits überfüllten Synagoge finden. Allerdings können an dieser zumeist nur die Begüterten participiren, weil der zu entrichtende Beitrag ein zu hoher ist, als daß ihn Jeder zu leisten vermöchte oder leisten wollte; wir hoffen jedoch, daß sich die Pforten des neuen Tempels, dessen Bau die reiche Brüdergemeinde beschlossen und für welchen bereits namhafte Summen gezeichnet-fein sollen, auch den weniger Vermögenden öffnen werden. Vielleicht nimmt dann auch das M inj an wesen an den a'S1' ein Ende, daS unserer als rrr^w-2 Lrri t? weithin bekannten Gemeinde wahrhaft zur Schmach gereicht. Da wird nämlich für die hohen Festtage von irgend einem Entrepreneur in aller Eile der erste beste Tanzsaal in einen Betsaal umgewandelt, ein oder zwei Chasanim engagirt und eine Einladung veröffentlicht, gegen Eintrittsgeld an dem Gottesdienste Theil zu nehmen, der darin stattfindet. Ein solcher Betsaal wird allerdings zumeist nur von den Indifferenten besucht, die es nicht der Mühe werth halten, sich irgend einem CultuS-Verbände anzuschließen und sich doch

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