Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1855)
- Date
- 1855-09-02
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit dem 1. Oktober d. I. eröffnet Herr I. Böhmer in Berlin einen hebräischen Buchhandel und Verlag, von welchem wir für die jüdische Literatur viel Ersprießliches erwarten. Durch seine brr-iw"' raro und sein ’prpiy» “ßr’3 bereits vortheilhaft bekannt, wird er nunmehr IheilS eigene theils Werke anderer Verfasser herausgeben, von welchen er uns schon von sechs verschiedenen die Titel angegeben und auf welche wir im Voraus aufmerksam machen. Möge der strebsame Mann sein Unternehmen mir Glück ausführen! Preußen. Berlin, im August. (Privatmitth.) In den öffentlichen Blättern ist viel die Rede von einem sogenannten „Schisma", welches in der hiesigen Gemeinde ausgebrochen sei! Nichts weniger — es ist lediglich eine Batrochomüomachia (ein FroschmäuSlerkrieg) um einige Piutim mehr oder weniger! Der Vorstand will einen anständigen Gottesdienst in der großen Synagoge haben; dazu gehört Verstärkung des musikalischen Elements, hiezu wieder Verkürzung der Gebete, also — der Piutim. Der Vorstand legi'S dem Rabbinate vor, und dieses erklärt sich in seiner Majorität, d. h. Herr Oettinger und Herr Rosenstein, dagegen, in seiner Minorität, d. h. Herr Dr. Michael Sachs, dafür. Der Vorstand will eS trotzdem durchsetzen, und nun beginnt — die Krähwinkeliade. Ein Sturm von „Eingesandts" bricht in den Berliner Zeitungen los, natürlich allesammt von Seiten der „Frommen", denn Lärm zu schlagen verstehen diese am besten, während die andre Partei vornehm schweigt, d. h. indolent und gleichgültig ist. Bald wird die Majorität der Gemeinde als an den Piutim hängend, geschildert, bald wird der Vorstand der eigenmächtigsten Willkür gezeiht, und habe er gar keine Leute hinter sich, bald wird der Dr. Michael Sachs gefragt, wie er gerade jetzt die „Vollständigkeit" des von ihm eben herausgegebenen MachsorS loben und die Piutim als „Erbauungsbuch" empfehlen könne, während ec sie doch abschaffen will. Aber dabei bleibt eS nicht, alle Gegner der „Rabbinatsmajoritäl" werden als Apostaten auSgeschrieen, also die „Radbinatsminorität" gewiß — eS wird mit „Bann" und „Jffur" gedroht, und — endlich werden alle, welche die Piutim verkürzen wollen, als politisch Verdächtige, als Demokraten und Revolutionaire gescholten. Ja, ja, Herr Redacteur, Sie haben zwar vor Kurzem alle Juden gebrandmarkt, welche, um ihre theologischen Gegner zu unterdrücken, zu politischen Verdächtigungen ihre Zuflucht nehmen — diese Leute sagen aber: wir verändern nichts, folglich dürfen wir auch unsre ManoeuvreS, unsre Künste, unsre Listen nicht verändern, und rufen daher die Behörden zur Gewalt an, wenn man unS nicht nachgeben will! Ein Inserat in der Bossischen Zeitung erste Beilage Nr. 192. fordert die Vorstands- und Repräsentanten-Versammlung-Mitglieder auf, jede Aenderung zu unterlassen, und schließt: „Sie werden eS nicht können und wollen endlich aus Rücksicht gegen die Behörden, theilS um deshalb, weil die preußischen Behörden sich zuversichtlich nach ihren humanen Grundsätzen, der in ihrem Gewissen gewaltsam belasteten Gemeinde annehmen würden, theils aber auch deshalb, um den Glauben an ihre eigne allgemeine conservative Richtung nicht zu erschüttern, denn eS ist ja durch die Erfahrung bewährt, daß derjenige, welcher die religiöse Autorität nicht achtet, sich auch gewiß, wenn er es kann, über die bürgerliche Autorität hinwegsetzt!" Nota Bene, die groß gedruckten Schlußworte waren so in der Voss. Ztg. gedruckt — nun, mehr kann man doch nicht verlangen! Also wer da wagt, an die Unfehlbarkeit der Herren Oettinger und Rosenstein nicht zu glauben, wer da glaubt, daß jüdisch religiös noch Etwas gestattet ist, was die Herren Oettinger und Rosenstein nicht gestatten wollen, die doch, nach dem bekannten Ausspruch des Herrn Oettinger „nichts thun, als ihr Stückchen Fisch essen und ihr SchnäpSchen dazu trinken, sonst sich aber um nichts bekümmern" — insbesondere waS Hunderte von Rabbinaten bereits gestattet haben — der ist ein Revolutionair und setzt sich auch über die bürgerliche Autorität weg! Wie schlecht kommen da 99/ioo der Berliner Gemeinde weg! ES ist allerdings lächerlich, denn wie, wenn nun zufällig Herr Oettinger oder Herr Rosenstein dächte wie Herr Sachs, und daher die „Rabbinatsmajorität" für die Veränderung wäre — so würden gerade diejenigen die politisch Verdächtigen sein, die jetzt ihre Gegner so schelten, denn sie würden sicherlich „die religiöse Autorität nicht achten!"