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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-09-02 · Heft 36 (2.9.1855) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 36 (2.9.1855)
Date
1855-09-02
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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460 besteht dann nicht darin, jenes Bedürfniß zu ignoriren und mit Gewalt nied erz vhalten, sondern ihm Befriedigung zu schaffen. Entweder, wenn beide Theile sich zu weit entfernt stehen, sie trennen sich im Cultus, was noch durchaus keinen Bruch in der Gemeinde zur Folge hat, wie z. B. in Hamburg, oder wo sie sich noch näher stehen oder die Gemeinde und ihre Mittel zu schwach find, wird in billiger Weise eine Vereinbarung Beider getroffen. Das ist Friede, wahrhafter, würdiger, Leben und Segen in seinem Schooße tragender Friede! Wenn man abermals einwenden würde: in der Religion sei keine Vereinbarung, da müsse Alles fest und normativ sein — so sagen wir zum hundert und einten Male: das ist falsch! Der jüdische Cultus ist geschichtlich geworden, hat fich in sehr mannichfaltiger Weise durch fünfzehn Jahrhunderte verändert, bis er zu dem geworden, was er um 1400 der gewöhnlichen Zeitrechnung ward. Es ist daher weder religiöse, noch geschichtliche Verpflichtung vorhanden, bei der dann eingetretenen 4vOjährigen Stagnation stehen zu bleiben, sondern wir find vollständig berechtigt, die Entwickelung, die aufgehört, als in der gegebenen Richtung nichts mehr zu entwickeln war, wieder anzufangen. Nichts ist aber naiver, als wie man den Ruf: „Störet den Frieden nicht!" mißbrauchet, sobald der längst vorhandene Gegensatz den Mund öffnet und die geringste Forderung stellt. Was bedeutet dieser Ruf? Nichts Anderes, als: Ihr müsset Euer Geld hergeben, müsset Euer religiöses Bedürfniß aufgeben, müsset für die Religion absterben — denn wir wollen ungestört bleiben — dann seid Ihr gute Kinder und stört den Frieden nicht!_ Wir sagen nicht, daß es die Orthodoxen allein find, die jenen Ruf anzustimmen pflegen — wir haben ihn ebenso von Reformern gegen Orthodore gehört, wenn jene das Feld inne hatten. Es ist aber all darin Falschheit, wenn Ihr nicht dadurch den Frieden anstrebet, daß Ihr auch Denen gerecht zu werden suchet, welche nicht auf Eurem Standpunkte stehen. Habet Euch nicht so gewaltig mit Eurer Gewissensunruhe — die wird durch ein Paar Piutim mehr oder weniger nicht heraufbeschworen. Darin besteht, Gott sei Dank! unsere Religion nicht!... Im Uebrigen sollten die Berliner Orthodoren doch vernünftiger sein — ihr jetziges Gebühren kann nur bewirken, recht viele neue Glieder der Reformgenoffenschaft zuzuführen. Allein es ist ja wahr, denen, die dabei Himer den Coulissen stehen, ist es ja hierum und auch selbst um Weiteres nicht zu thun — das haben wir ja unlängst in Erfurt gesehen! Bemerkung. Nach der Heimath zurückgekchrt, soll es unsre erste Pflicht sein, die „Literaturberichte" wieder anzufangen und den zahlreichen Schriften gerecht zu werden, welche der Berichterstattung harren. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hannover, 16. August. (Privatmitth.) Unter der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem hat die von dem Sultane ertheilte Erlaubniß, daselbst ein neues jüdisches Hospital gründen zu dürfen, große Freude erregt. Durch die reichlichen hierzu bestimmten Mittel wird dort nunmehr ein solches errichtet werden, und sollen mit ihm eine Synagoge, ein Garten und mehrere Häuser verbunden werden, die eine Art jüdischen Klosters in der Weise bilden sollen, wie fie andere Confesfionen bereits in der heiligen Stadt haben. — Jerusalem hat jetzt auch einen Pascha von bedeutender Bildung erhalten. Derselbe war früher türkischer Gesandter in Berlin, spricht mehrere Sprachen und ist bemüht, Ruhe und Ordnung in jene Gegend einzuführen. Leider aber ist die Barbarei und die Rohheit in der Türkei noch ungeheuer. Die Juden würden dort gern Ackerbau treiben, wenn fich daselbst eine Autorität fände, die ihnen Schutz gewährte. ES hat fich dort auch bereits ein Comite zur Beförderung des Ackerbaues unter den Juden gebildet; möge der neue Pascha dessen Bestrebungen unterstützen. Am 17. Juni hat in Aachen ein jüdisches Ehepaar das seltene Fest seines 75jährigen Hochzeitstages gefeiert. Der Mann ist 97 und die Frau 92 Jahre alt. Die beiden Gatten find im vollkommensten Befitze ihrer Körper- und Geisteskräfte und erfreuen sich des besten Wohlseins. Sie haben Ururenkel in Cöln. In Düsseldorf ist unlängst 0r. Feilchenfeld auS Glogau zum Rabbiner erwählt worden. Wir können der Gemeinde zu dieser Acquifition nur Glück wünschen, da wir vr. Feilchenfeld als einen tüchtigen und strebsamen jungen Mann von biederem Charakter kennen. Er tritt zu den nächsten Festtagen sein Amt an.

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