Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1855)
- Date
- 1855-09-02
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
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459 Du ragst in Morgenroth, in Abendschimmer, O Juda, um Dich Leben oder Trümmer — Und ob sich wirklich Deine Gipfel neigten. Da die Jahrtausende vor Dir erbleichten: Dir gaben Deine Seher einst den Spruch, Den Dein Geschlecht durch alle Zeilen trug: „Erst wenn die ganze Erde Eine Au, Voll Gotteslicht, voll Duft und Mergenthau, Daraus die Berge und die Höhen schwanden, Und alle Sprößling' sich zusammcnfanden, Und Alle blüh'n und Alle treiben Früchte — Es floh'n das Unheil und die Strafgerichte — Im Lob des Herrn, des Einen Preis vereint — Kein Herz erseufzt, kein Menschenauge weint- Dann, Israel, dann bist Du Fels nicht mehr, Dann zieht Dein Stamm in aller Völker Heer" — Hallclujah! so bis zum Ende rage! Sei Fels, und wanke nicht, und nimmer zage! Leitender Artikel. Magdeburg, Ende August. Vom Frieden in -er Gemeinde. Es ist eine Zeit zu verbinden, eine Zeit zu zerreißen, und so fort, sagt der weise König, das heißt, nichts ist absolut gut auf Erden, sondern nach der verschiedenen Lage der Dinge wechselnd ein Andres, oft das gerade Gegentheil. — Das Geplänkel, welches in Liesen Tagen in Berlin um Piutim und dergleichen startgefundcn, brachte immer wiederholt den Ruf zu Tage: „Nur Frieden in der Gemeinde!" „Frieden ist die schönste Got-- tesverchrung!" „Warum stört Ihr den Frieden in der Gemeinde!" Das las man jeden Tag in den „Eingesandts" der Zeitungen. Nun, wir haben in unsrer langen Praris diesen Ruf oft gehört, wir haben ihn in unsrer nächsten Nähe gehört. Es ist ein verführerischer Ruf, denn es liegt eine gewisie Wahrheit darin, und, was das Schlimmste daran ist, er wirft auf den Gegner sofort den Schein des Unrechts, des willkürlich heraufbeschworenen Streites, er macht die Sache zur Parteisache. Draußenstehende wissen nun gleich, wen sie packen müssen, wenn sie herbeigeholt werden, um die Ruhe herzustellen. Es ist also wohl der Mühe werth, diesen Ruf näher zu betrachten. Niemand weiß den Werth des Friedens in der Gemeinde höher zu schätzen, als wir; er fördert die Institutionen derselben, er stört den Bildungsgang derselben nicht, er erhält das Recht und die Liebe — was ist unschätzbarer! Soll das kleine Haustein sich noch mehr spalten? soll es seine besten Kräfte verwenden, die Waffen gegen sich zu wenden? Auch weiß Niemand die Dinge, um welche häufigst d§r Streit sich erhebt, mehr in ihrem Unwerth gegen das Glück des Friedens anzuschlagen , als wir. . Was will ein 'p-'r-ra rra2 gegen die Eintracht sagen? was alle Piutim der Welt? Niemand hat auch in seinem Leben in solchen Dingen mehr nachgegeben, bei der unerschütterlichsten Consequen; der Richtung. Aber demungcachtct wird Zwiefaches cinleuchten: erstens, daß cs sich nicht um Scheinfrieden handeln kann, und zweitens, daß es doch Dinge gicbt, die höher stehen als der Frieden. Wir gehören nicht zu Denen, welche den Krieg für ein unentbehrliches, für ein nothwendiges Ucbcl in der Menschheit halten, welche dem Frieden Stagnation, dem Kriege Aufreizung, Erfrischung zuschreiben; wir halten uns an Jesaias, daß einst die Völker aufhören, Kriegeskünste zu erlernen. Aber der Friede ist in der Thal nur da vorhanden, wo nicht innerlich Bruch und Gegensätze verbanden, und zwar so starke, daß die Theile gar nicht mehr zusammenpassen. Da ist denn freilich! noch Friede, wenn der eine Theil ganz stumm und schweigsam sich verhält, aber was für ein fauler Frieden! Dieser stumme und doch gegensätzliche Theil muß zuletzt abstcrben, abfallen, weil seinem Leben gar keine Nahrung zugcführr wird. Was hilft da Friede, wenn er nur die Decke des Todes ist, das Pflaster, mit dem der immer weiter fressende Krebs zugedcckt ist? Nicht blos im Culrus der Gemeinde, sondern auch in allen übrigen Instituten derselben macht sich dies fühlbar, es ist todt in ihnen und wird immer todter... Nein! das Leben, die Regsamkeit, das schaffende Streben steht höher als der Friede, zumal wenn dies nur ein Scheinfriede ist, der nur mir dem höchsten ausdruckslosesten Jndiffercntismus des Gegensatzes erkauft wird. Wenn in einer Gemeinde nicht Einzelne, sondern ein großer, ja größter Theil in dem stabilen Culrus nicht mehr lebt, sich ihm ab- und entbildet hat, dennoch aber cultuelles Bedürfniß findet, so muß dies mit Freuden begrüßt und gepflegt werden. Der wahre Friede 36*