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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-08-27 · Heft 35 (27.8.1855) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 35 (27.8.1855)
Date
1855-08-27
Page
Seite 452 (sequence 10)
Language
German
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432 entspringen, sondern auS Mode und NachahmungSfucht hervorgehen. Was ich als Fortschritt halte, ist, wo die Jugend an Bildung und Wissen zunimmt, und dies ist allerdings mehr anzutreffen da, wo jüngere Rabbiner ans Ruder kommen, die eben mehr Rücksicht der Jugend schenken. Freilich giebt eS in dieser Beziehung sehr viele Ausnahmen. Viele glauben, daß sie dadurch zu den Neuen gehören, wenn sie statt der Zobelmütze, wie sie ehedem die Rabbinen trugen, einen runden Hut sich aussetzen, die überhaupt von der neuern Zeit nichts mehr alS daS Aeußere ersaßt haben. Von wahrer Bildung, sei es auf jüdischem oder deutschem Gebiete, ist keine Spur, und so kann man nur mit wahrhaftem Bedauern den Zustand des neuen Geschlechtes in diesen Gemeinden ansehen. Ich will Ihnen einige Beispiele ansühren. In Kremsier, wo die Rabbinerstelle durch einen Herrn Pollak, bis jetzt in Prag weilend, in nächster Zeit besetzt werden soll, wird jetzt den jüdischen Gymnasial- und Realschülern der Religionsunterricht ertheilt, indem man denselben den „Chorew" von Hirsch vorliest. Die jungen Leute, denen zumeist die Kenrttniß der Bibel, ja sogar des Pentateuchs abgeht, sollen den Magen Abraham studiren. DaS Komische daran ist, daß der Lehrer dadurch zugleich Herrn Hirsch von dem Vorwurfe freisprechen will, daß derselbe (risvm tenestis) — ein Reformer sei. Möge der neue Herr Rabbiner dieses Gebiet zunächst inS Auge fassen. In Strassnitz soll von Seite deS Rabbiners der Religionsunterricht ertheilt werden; doch eS geschieht nicht. Vor Ablauf deS Curses bekommen die Schüler einige Sätze ausgeschrieben, was der Inhalt des Pentateuchs sei u. s. w. und darauf wurden die Noten ertheilt. Wir fanden eine in folgender Orthographie „außgezeichend." Wir würden dieses nicht erwähnt haben, wenn der Herr Rabbiner nicht als Mann von deutscher Bildung gelten wollte und wenn er dadurch nicht den Bildungsgrad der Rabbinen überhaupt in den Augen der Professoren dieses Gymnasiums lächerlich machen würde. In Holleschau endlich ist eine jüdische Normalschule. Diese zählt über zweihundert Kinder. ES wäre nothwendig, daß ein Gehülfe angestellt würde, diesem müßte man Quartier geben. Die Gemeinde aber will keine Mittel auf die Schule verwenden und der angestellte Lehrer, dem ein sehr schmaler Gehalt zugewiesen ist, bezieht den Gehalt, den der Gehülfe bekommen sollte und die Schule leistet wenig oder nichts. Es thut mir selber leid, über diese Dinge reden zu müssen; aber wenn man zu den Leuten nicht sä Iwminem spricht, so nützt eS nichts; der Fehler liegt zumeist darin, daß man über kleinlichen Eitelkeiten die wichtigsten Angelegenheiten vernachlässigt. Für den letzten Minhag stehet man ein, was mit der Jugend geschieht, darum kümmert man sich nicht. Zum Schluffe erlaube ich mir Ihnen mitzutheilen, daß der Rabbiner in Pohrlitz, Herr Juda Freund, oder wie er hier allgemein bekannt ist, Reb heb Berlin, im Alter von 87 Jahren starb. Er gehörte zu den Heroen auf talmudischem Gebiete und die pilpulistische Schärfe handhabte er wie selten Jemand. Möge ihm die Erde leicht sein! Er war ein ehrlicher Orthodoxer von ächtem „Schrot und Korn." Literarische Nachrichten. Mita», im Mai. Es ist ein erfteuliches Zeichen des Zeitgeistes, daß die hebräische Literatur aus ihrer strengsten Jsolirung, in der sie lange, namentlich von modernen Publicisten und christlichen Gelehrten, verbannt war, nunmehr nach und nach in die Oeffcntlichkeit hervorzutrcten beginnt. So z. V. hat es der supermoderne Heine nicht verschmäht, seinem „Romanzero" einen beträchtlichen Artikel über Jchuda Halcvi u. s. w. zu widmen, und in seinen jüngst herausgcgcbenen „Vermischten Schriften" finden gleichfalls mehrere jüdische Gelehrte eine ehrenvolle Erwähnung. Ein ähnlicher Fall ist hier gegenwärtig auch auf der Universität Dorpat vorgekommen, woselbst — meines Wissens zum ersten Male — ein christlicher Thcolog zu seiner Promotionsschrift ein Thema aus der hebräischen Literatur zu wählen beliebt hat. Sie führt den Titel: „Die synagogale Elegik des Volkes Israel, insbesondere die Zion Elegie Zehuda Ha-Levi's in ihrer national-religiösen, historischen und ästhetischen Bedeutung. Zur Erlangung der venia legencii verfaßt und mit Genehmigung Einer Hochwürdigen theologischen Facultät der russisch kaiserlichen Universität Dorpat öffentlich vertheidigt von Alexander von Oettingen, Candidaten der Theologie. Dorpat, bei Laakmann, 132 S. 8." —

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