Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1855)
- Date
- 1855-08-13
- Page
- Seite 418 (sequence 4)
- Language
- German
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418 Nackel, 26. Juli. (Privatmiith.) Die judenfeindliche Strömung, die jetzt mehr oder weniger alle Theile Deutschlands durchzieht, kann dessen Ostgrenze wohl nicht gut übergehen. Diese merkwürdige signalura temporis in unserem hochaufgeklärten Zeitalter zeigt sich somit auch hier in ihrer modernen Form viel stärker, als eS vor 20 oder 30 Jahren der Fall war. Während früher dem anständigem und gebildetem Juden selten die ihm gebührende Achtung bei näherer Berühmng versagt wurde, da man ja genug Nahrung für die judenfeindliche Stimmung in den untem Schichten der jüdischen Bevölkerung fand, sucht man jetzt, wo Intelligenz und Bildung bei den Juden nicht zur Ausnahme gehört, mit ängstlicher Beflissenheit jeden Verkehr mit dem ebenbürtigen oder überragenden jüdischen Mitbürger zu vermeiden. Möglich, daß man durch nährere Berührung mit Juden sich fürchtet, gar zu stark überzeugt zu werden, wie sehr eS dem innewohnenden Judenhasse an aller Begründung mangelt. — Unsere Wahrnehmungen in dieser Beziehung berechtigen zu der Behauptung, je mehr der alte Jude mit seinen mancherlei lächerlichm Außenseiten verschwindet, desto mehr nimmt der Judenhaß zu. Den Juden, der Stoff zum Humor gab, verachtete man zwar, aber man tolerirre ihn, hatte ihn oft gem, den gleichstehenden und gleichberechtigten haßt man. — Diese Betrachtungen, die überallhin in Deutschland ihren Platz finden dürften, find hier in unserer nächsten Nähe ganz an ihrer Stelle. — Unsere jüdische Gemeinde gehört zu den blühendsten und intelligentesten in der Provinz und der Culturzustand derselben entwickelt sich in einer höchsterfreulichen Weise. Die segensreiche Wirksamkeit unseres geistvollen und gelehrten Rabbinen Friedmann macht sich dabei allerdings wesentlich geltend. Wie sehr nun diese auch in andern Kreisen Beachtung gefunden, hatten wir kürzlich einen eigenthümlichen Beleg. Bei einer hier in der evangelischen Gemeinde stattgehabten Prediger-Wahl wurde geltend gemacht, daß hier dem geistigen Umsichgreifen des Judenthums ein Gegengewicht gehalten werden müsse, und in der That wurde bei Cassation dieser Wahl in den Motiven auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die diese Stelle darbiete, für welche daher ganz besondere Fähigkeiten erforderlich wären. — Unser in diesen Blattern bereits besprochene Ausleihe-Verein entfaltet sich zu einer immer größern Wirksamkeit und hat sich in den letzten TheuerungSjahren sehr bewährt. Dem Vereine ist biS jetzt während seines mehrjährigen Bestehens noch nichts verloren gegangen, obwohl die nothwendige Regelmäßigkeit in den Abzahlungen nicht zu erzielen ist. Dies muß indeß durch die für Unbemittelte so drückende Zeit entschuldigt werden. Kozmm, 2. August. (Privatmiith.) Die Schlacht ist geschlagen, der Kampf beendet, und auf dem Rabbinerstuhle zu Posen fitzt jetzt Herr Rabbiner Löwenstamm aus Fraustadt. Es war ein kühner Ausweg, den beide Parteien, die orthodoxe, wie die conservative eingeschlagen, und beide scheinen gesiegt zu haben, denn bei seinen vortrefflichen Eigenschaften wird Herr Löwenstamm wohl allen Aufforderungen entsprechen, und bemüht sein, die auS einander gerissenen Herzen wieder zu vereinen, damit ein Band der Liebe und Eintracht alle Parteien umschlinge. Möge es demselben auch gelingen, auf die dortige Jugend belebend und anregend zu wirken, so wie durch Gründung einer Religionsschule für die Armen einem längst gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen! — Die jüdischen Privatschulen PosenS gehen immer mehr ihrem Verfalle entgegen, seitdem der Director der Realschule und der der Louisenschule für ihre Anstalten noch Vorbereitungsclassen gegründet haben. Denn möge der jüdische Lehrer noch so viel leisten, möge er immerhin mit Aufopferung seiner Kräfte dahin streben, daS Herz der anvertrauten Jugend zu veredeln, Geist und Körper zu stärken, seine Leistungen werden doch verkannt, und mit schnödem Undanke belohnt. AlleS drängt sich nach christlichen Anstalten, damit die Kinder nur recht christlich erzogen werden, und nicht in Gefahr gerathen, von jüdischen Kindern einige jüdische Ausdrücke anzunehmen. Und was liegt den meisten Eltern daran, ob der Funke von Religion, der in der Brust der Jugend noch glimmt, ganz erlischt, ob die Liebe für den Glauben durch steten Hohn und Verachtung ganz erstirbt, genug, die Kinder genießen christlichen Umgang, haben eine posener deutsche Sprache u. s. w. — und daS überwiegt alles Heilige und Nützliche. Wie weit aber, meine Theuren, habt ihr eS mir dieser eurer Erziehung gebracht? Sind eure Söhne oder Töchter durch ihre Irreligiosität besser geworden? O ja, sie blicken mit Verachtung auf ihre Glaubens- und LeidenSbrüder herab, sie schämen sich des NamenS Jude