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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-08-06 · Heft 32 (6.8.1855) · p. Seite 409

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 32 (6.8.1855)
Date
1855-08-06
Page
Seite 409 (sequence 7)
Language
German
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409 Wie sehr wir uns aber mit Widerwillen von dem Gebühren deS Herrn Pick abwenden, so können wir doch den Angriff nicht billigen, der in Nr. 30. dieser Blätter gegen einen andern Renegaten, nämlich gegen Seelig Caffel, gemacht worden ist. Wir bedauern den Uebertritt deS Letztem zwar tief und sind weit entfernt, denselben entschuldigen zu wollen, aber wir halten es für unklug und unjüdisch, weil unedel, Jemanden seines UeberlrittS wegen allein zu schmähen, zumal wenn er vorgiebt, seiner Ueberzeugung gefolgt zu sein. Man lasse ihn gewähren, gebe ihm nicht, so lange er daS Judenthum nicht angreift, durch Herabwürdigung Gelegenheit, sich als einen Märtyrer seines neuen Bekenntnisses geriren zu können, reize ihn nicht zur Rache durch judenfeindliches Auftreten und gebe durch zu häufiges Besprechen seines Uebertritls dem Renegaten nicht eine größere Bedeutung, als er verdient. Das Judenthum hat schon so manchen seiner Söhne dieselbe Untreue begehen sehen, ohne von seiner Kraft und seiner Größe auch nur das Geringste verloren zu haben. In dem vorliegenden Falle aber scheint noch manches Ändere eine Berücksichtigung zu verdienen. Seelig Cassel hat stets und, wie seine „Erfurter Berichte" zeigen, selbst dann noch, als er sich wahrscheinlich schon längst mit der Idee, zum Christenthume überzugehen, vertraut gemacht hatte, die jüdische Wissenschaft als geistvoller Gelehrter mit Vorliebe gepflegt, wofür ihm unser Dank gebührt und wie wir ihn kennen, haben wir die Ueberzeugung, daß nicht JndifferentiSmuS oder gar Haß gegen daS Judenlhum ihn zum Religionswechsel geführt haben, sondern vielmehr die Eitelkeit, mit literarischen Capacitäten, wie Radowitz und Anderen, die nicht umsonst mit einem auch noch so gelehrten Juden umgehen, in innigem Verkehre zu stehen, verbunden mir einer Schwärmerei, die ihn schon als Juden eine religiöse Richtung einschlagen ließ, welche wir niemals zu der unftigen machen möchten. Dieser Umstand aber scheint unS hinreichend zu sein, seinen Austritt aus dem Judenthume, wenn auch nicht zu entschuldigen, so doch wenigstens milder beurtheilen zu lassen und bestimmt uns, ihn wegen desselben so lange nicht öffentlich anzugreifen, als er nicht feindlich gegen seine früheren Glaubensgenossen auftritt. Erst dann, wenn er dieses zu thun sich unterfangen und ganz die Rolle eines Josua ha Lorki spielen sollte, ist eS Zeit und Pflicht, sich mit aller Entschiedenheit gegen ihn zu erheben und Schreiber dieses würde, sobald er von einem solchen Schritte — an den er übrigens nicht glaubt — Kunde erhalten sollte, der Erste sein, der gegen ihn die Feder ergriffe. Bis dahin aber sei es nicht Entrüstung und Rache, die uns gegen ihn erfülle, sondern vielmehr das Gefühl des Mitleids gegen einen Schwachen und in einem Jrrthume Befangenen und nach dem schönen Grundsätze unserer Weisen Vstct sisn-s betrachten wir ihn als einen Juden, wenn auch als einen gefallenen.*) Wie wir erfahren, hat Sir Moses Montefiore Anfangs Juli seine Reise von Konstantinopel nach Jerusalem fortgesetzt. Während seines Aufenthaltes in der türkischen Residenz ward Sir MoseS mit großer Aufmerksamkeit von den Ministern des SultanS behandelt, welche ihm unter anderen Begünstigungen auch einen Firman zur Anlegung eines israelitischen HoSpitalS in Jerusalem bewilligten. Preußen. Berlin, im Juli. Die Voss. Ztg. berichtet: Die Vertretung der hiesigen jüdischen Hauptgemeinde hatte die Absicht, mit der Wiedereröffnung der jetzt umgebauten großen Synagoge einige Veränderungen im Gottesdienste durch Weglassung von Gebeten u. s. w. einzuführen und hat dieselbe daS dieserhalb entworfene Programm dem hiesigen Rabbinat zur Begutachtung vorgelegt. Dies aus drei Mitgliedern bestehende Collegium hat sich jedoch durch Majoritätsbeschluß in einem vollständig motivirten Gutachten entschieden gegen die beabsichtigten Anordnungen erklärt, weil sie sich nach seiner Ansicht mit den positiv jüdischen Vorschriften nicht vereinigen lassen. Aus Westphalen, im Juli. (Eingesandt.) Schon zu wiederholten Malen ist in der „Zeitung des Judenthums" darüber Klage geführt worden, daß die christlichen Seminare den israelitischen Aspiranten verschlossen seien. Von keiner Seile her ist diese Ansicht bisher berichtigt worden, daher fühle ich mich gedrun- *) Wir sind zwar ganz derselben Ansicht, wie der geehrte Korrespondent, allein was in diesen Blättern über Herrn Easscl ausgesprochen worden, ist nichts als die natürliche Folge des Uebertrittes eines Mannes, der sich ftühcr so eifrig gcberdetc. Richter ist freilich Gott allein! Aber zu fürchten hat sich das Judenthum vor Niemandem'. Ganz schweigen hätte wie — Furcht ausgcschcn! R e d a c t.

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