Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1855)
- Date
- 1855-07-30
- Page
- Seite 396 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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396 rückweisen zu wollen scheint, so kann ich dies nur in so fern annehmen, als er darunter eben diese Neuorthodorie versteht, die sich von der alten eben so unterscheidet, wie die Lüge von der Wahrheit, wie die erbärmlichste Hohlheit von der lebendigsten innern Fülle. Ich habe dagegen nie ein Hehl daraus gemacht, vielmehr überall in Schrift und Wort, wie in meinem praktischen Wirken, es ausgesprochen und bewährt, daß ich im Zudenthum Leben und Bewegung anerkenne, so weit sie mit seinem wahrhaft positiv-historischen Inhalt in Einklang bleiben, und daß ich der „neuern Richtung", wenn sie also verstanden werden will, mit ganzer Seele angehöre. Sapienti sat. Dr. Grünebaum, Bezirksrabbiner. Frankreich. Paris, im Juli. (Nach den Arch. isr. de Fr.) Herr Abraham Levi, Oberstlieutenant der algierschen TirailleurS, Bruder des bekannten Dr. Michael Levi, ist zum Obersten deS ersten Regiments der ersten Fremdenlegion ernannt; Herr Cohen, Sohn des Herrn I. Cohen deSamuel, ehemaligen Mitgliedes des Consistoriums zu Marseille, ist zum Auditeur beim Staatsrath ernannt worden. Die Arch. schreiben hierüber: „Es giebt noch sehr wenige israelitische Obersten in unserer Armee, und Herr Cohen ist der erste Israelit, welchen der StaatSrath in seinen Reihen zählt; es findet zwischen diesen beiden Herren noch ein Gegensatz statt, der für beide sehr schmeichelhaft ist: Herr Levi, auS einer armen Familie r.des Elsaß hervorgegangen, hat sich eben so wie seine Brüder durch Verdienst und ohne Vermögen zu den höchsten Aemtern emporgeschwungen; Herr Cohen dagegen ist einer Familie entsprungen, welche Geschicklichkeit und Redlichkeit im Handel zum Rcichthum geführt hat, die aber ihre Glieder, statt sie zu den gewinnbringenden Bahnen zu bestimmen, durch welche sie groß geworden ist, in die Carrieren der Verwaltung und Künste eintreten ließ, wo sie sich viele Ehre gesammelt. — In Srraßburg ist an die Stelle des verstorbenen Herrn Louis Ratisbonne sein Neffe Achill e Ralisbonne zum Mitglied des Consistoriums gewählt worden. Bon 4400 Wählern haben 2800 ihre Stimme abgegeben, von welchen nur 30 andere Namen trugen. — Der Gerichtshof von Colmar hatte jüngst noch eine Entscheidung über einen der traurigen Vorfälle deS Februars 1848 zu treffen. Eine Horde von Plünderern hatte die Synagoge zu Altkirch verwüstet. Die durch die Gründer der Synagoge gemachte Reclamation bei dem Gerichtshof zu Altkirch wurde von diesem und dem Hofe von Colmar abgewiesen. Wieder ausgenommen durch daS Consiftorium zu Colmar wurde die Reclamation angenommen, und die städtische Gemeinde zu Altkirch wurde verurtheilt, die jüdische Gemeinde zu entschädigen. Großbritannien. Aus England, im Juni. (Privatmitth.) DaS WachSthum deS „Instituts für Förderung der israelitischen Literatur" gab uns jüngst Gelegenheit, auch in England mehrfach anzufragen, ob einiger Boden daselbst zu finden sei. Da es zu den besonderen Zwecken der A. Z. d. Jud. gehört, wahrheitsgetreue Schilderungen über den Standpunkt und die Verhältnisse unsrer Glaubensgenossen in den verschiedenen Ländern zu geben, so folgen hier einige Bemerkungen auS einer desfallsigen Erwiederung, welche durch ähnliche andere Zuschriften bestätigt wurden. — „Ihre Frage, ob hier in England kein Boden für solche Bestrebungen ist? ruft in mir nothwendiger Weise sehr gemischte Empfindungen hervor; denn eS ist zwar Interesse für jüdisches Wissen in England vorhanden — aber leider wenig unter den Juden, bei denen Jndifferentismus, Ignoranz oder Materialismus eine anhaltende Begeisterung für ideellere Bestrebungen unmöglich machen. Bei den Christen aber ist die Kenntniß deS Deutschen zu beschränkt, um bei denselben Theilnehmer der Literatur-Gesellschaft zu erwerben. Ich bin nicht einer derjenigen, die nur die schwarze Seite der Dinge sehen; allein trotz des größten Fonds von Zuversicht und freudiger Hoffnung ist es unmöglich, den Zustand der englischen Juden in geistiger und wissenschaftlicher Beziehung auch nur befriedigend zu nennen. Die drei erwähnten Momente mögen auch bei unseren deutschen Glaubensbrüdern nicht ganz fehlen — und wer hat mehr Gelegenheit, darüber Materialien zu sammeln, als Sie, der als der eigentliche Repräsentant der jüdischen Journalistik gilt? — allein der Verkehr und der sociale Austausch der Ideen unter den verschiedenen Ständen und Confesfionen ist in Deutschland zu lebhaft und allgemein, als daß eS zu