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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-07-23 · Heft 30 (23.7.1855) · p. Seite 385

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 30 (23.7.1855)
Date
1855-07-23
Page
Seite 385 (sequence 7)
Language
German
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rcn, dies geradezu für einen großen Schaden erkennen müßten. Proselyten, wenn sie gegen ihre neue Confesfion gleichgültig find, find nur einige Einer mehr zu den vielen Millionen und geben ein schlechtes Dcifpiel. Sind sie aber von dem Ehrgeiz gestachelt, ihren Uebertritt zu rechtfertigen und sich Geltung zu verschaffen in ihrer neuen Kirche, dann müssen sie ihren Eifer so übertreiben, ihre -Ucberzeugung so auf's Ertrem schärfen, daß sie damit der Kirche die tiefsten Wunden schlagen. Wir könnten derartige Beispiele mehre ciriren, bleiben aber bei Herrn Stahl stehen, dessen Fortuna jüngst wieder einen Nachfolger erhielt. Alsdann wie bei jeder Definition der Duldung von einem speciell - kirchlichen Standpunkte die Duldung sofort zur Ausschließung gegen andere Kreise wird. Die Protestanten behaupten, der Katholicismus könne die Toleranz nur gegen seine Glieder üben; Stahl und Consorten beschränkt die Toleranz auf die. welche dem kirchlichen Dogma anhängen, während die Vossische Zeitung allen Denen Toleranz gewährt, welche zur unirten Kirche gehören. Wo ist nun da der Unterschied? Toleranz, sobald sie irgendwie bedingt wird, ist schon eine contradict. in adjecL, ist damit Intoleranz. Toleranz ist die Duldung jeder Meinung und Ucberzeugung, und kann als solche gar keiner Beschränkung unterworfen werden. Nun mag man immerhin sagen: dann bin ich intolerant, dann darf ich nicht tolerant sein, mein Vorth eil, oder meine Cristen;, oder meine Ansicht, oder meine Religion verbietet mir, tolerant zu sein — immerhin, aber man spreche nicht von Toleranz, indem man sich er olllcio für intolerirend gegen jeden Andersgläubigen erklärt. Dies bringt die Frage heran: wie verhält cs sich im Judenthume mit der Toleranz? Es wäre lächerlich und verfälschend zugleich, wenn wir leugnen wollten, daß auch die lange Geschichte des Judenthums mancherlei Acte der Intoleranz zu erzählen habe, ja daß nicht ein ganz artiges Arsenälchcn von Mitteln zur Intoleranz vorhanden gewesen, und daß es auch niemals an Männern gefehlt habe, welche sich der Mittelchen bedienen mochten, sobald sie die Gewalt dazu hatten — man erinnre sich an die Verweigerung der Trauungen Seitens des vr. Adler in London Betreffs der Glieder der Westend-Synagoge, an die jüngsten Verordnungen, die der vr. Lipschütz erwirkte, an neuliche Denunciationcn, an die Bastonaden in Konstantinopel auf Befehl des Chachams rc. Wir verkennen nicht, daß diese Thatsachen, die Chcrems rc. nur selten Vorkommen konnten, weil das Judenthum ecclesia pressa war und meist noch ist, also die politische Gewalt ihm fehlte, und überhaupt genug mit Abwehrung der über dasselbe verhängten Leiden zu thun hatte. Indeß ist ja eigentlich auch hier gar nicht von den Thatcn einzelner Rabbinen und Parnaßim, selbst nicht von einzelnen Maßregeln die Rede, welche in das Judenthum hineingezwängt, hineingeschmuggelt worden, sondern von den Grundsätzen, auf welche das Judenthum aufgebaut ist. Und hier sind es, selbst von der heiligen Schrift abgesehen, zwei Ariome, welche in Wahrheit jede Intoleranz grundsätzlich vom Judcnthume abhalten, das eine, daß „die Gerechten aller Nationen Antheil am ewigen Leben haben", ein Ariom, welches das Judenthum allein den Religionen gegenüberstcllt, welche die Seligkeit von ihrem Bekenntniß abhängig machen, ein Ariom, welches aber schon deshalb wirklich jüdisch ist, weil das Judenthum zunächst nur seine Stammesglieder befassen wollte, zwar die stille, für sich und durch sich allein wirkende Propaganda der Wahrheit, aber nicht die Bekehrung Andersgläubiger zu sich beabsichtigte, also die außer ihm Stehenden als solche durchaus nicht verdammen konnte. Mit diesem Ariom ist die Intoleranz nach außen abgeschnitten. Das andere Ariom, daß „ein Jude gar nicht als Abgefallener zu betrachten sei", so daß selbst ein getaufter Jude in den Augen des Juden immer Jude bleibe, daß z. B. ein jüdischer Wcinhändler einem getauften Juden keinen “p: verkaufen dürfe, dieses Ariom weist grundsätzlich jede Intoleranz innerhalb des Judenthums ab, und man kann leicht daraus entnehmen, mit welcher Nicht-Orthodoxie neu-orthodoxe Rabbinen sich Gewaltmaßregcln erlauben. Wir wollen hier einen concreten Fall citiren. Wir erhalten so eben folgendes Schreiben aus Tilsit. „Bei den hiesigen Schwurgerichtsfitzungen — wobei auch ich als Geschworner fungirte — sollte ein jüdischer Zeuge vereidet werden. Die Schwurzeugen — jüdischer Geistlicher und Gemeindcbeamter — waren bereit, den Eid abzunehmen, als Zeuge plötzlich erklärte, er wäre vor einigen Tagen aus dem Judenthume aus- und zur frei evangelischen Gemeinde übergetreten, könne sich also nicht als Jude, wieder aber auch nicht als Christ betrachten, da er namentlich die Taufe perhorrescirte, und den Uebertritt eben nur durch protokollarische Erklärung bewirken will. Der Gerichtshof konnte über den Fall nicht zur Entscheidung kommen, und die ganze Sache mußte vertagt werden. „Was halten Sie davon? — und möchten Sie die Güte haben, sich einmal in der Zeitung darüber auszusprechen? —

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