Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1855)
- Date
- 1855-07-23
- Page
- Seite 384 (sequence 6)
- Language
- German
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384 Und ob Ihr fie lang nicht also fasset in der ganzen Wahrheit, Und mit altem Heidenthume mischet ihre Himmelsklarheit, Die Jahrtausend' werden reifen sichren Kampfes ihre Saat, Bis der Herr die Menschen alle seinem Stab versammelt hat.".. Spricht's — und alle Hörer schweigen — nicht des Beifalls, nicht des Zornes Stimmen leih'n dem edlen Fremdling itzt ein Echo, ein verworrnes. Selbst die Führer lauschen sinnend, denen ftüh'r die Worte rannen — Und er hebt den Saum des Kleides, wendet sich, und geht von dannen. Leitende Artikel. Harzburg, 15. Juli. Nußland. Aus einer preußischen Stadt an der Grenze Rußlands schreibt uns ein befreundeter Mann, der dem gewerblichen Leben angehört, folglich nicht so leicht Täuschungen zugänglich, wie wir Gelehrte, Folgendes: „Der Umschwung, welchen der Thronwechsel in Rußland zu Gunsten der Juden herbeiführtc, wirkt wohlrhätig auf alle Verhältnisse ein. Das Gefühl, nicht mehr die Zurückgesetzten, die Verachteten zu sein, giebt unsren russischen Glaubensbrüdern eine Erhebung und stößt ihnen gleichzeitig einen Patriotismus ein, der sich wahrhaft rührend äußert. Sie betrachten ihren Kaiser als wahrhaften Schutzengel, und lieben ihn auftichtig. Hieran kann man sehen, wie Weniges die Regierungen thun dürften, um sich in den jüdischen Untcrthanen die treuesten und anhänglichsten Patrioten zu schassen. Und doch wird dies leider so wenig beachtet." Obgleich uns noch durchaus nichts Thatsächlichcs berichtet ist, welches uns diesen Umschwung factisch erwiese, so macht uns doch die allgemeine Meinung hierüber, die doch auf Etwas basirr sein muß, schon glücklich. Sollte das kaum Geahnte, kaum Vorausgesetzte wahr sein? sollten die Jahre unerträglichen Druckes für unsre russischen Glaubcnsbrüdcr vorüber sein? sollten nicht mehr die schrecklichsten Ausnahmszcsctze auf ihnen lasten, und fie nur eben den Gesetzen unterworfen sein, welche in Rußland überhaupt bestehen? Welch eine Wohllust, daß 1*/? Millionen unsres Glaubens leichter wieder aufathmen können.'... Jedenfalls haben diese der Mensckenwclt abermals erwiesen, daß die strengste Consequcnz, die starrste Behandlungsweise nichts vermag gegen die Gewalt der Ucbcrzeugung, gegen die Macht des gläubigen Gewissens. Die „Hebräer" in Rußland sind trotz allen Ausschließungen und Belastungen Juden geblieben, wenn auch mit mancherlei Verlust. Und fürwahr! wie wir schon vor Jahren ausgesprochen, die griechische Kirche mag sich selbst dazu gratulircn. Denn nichts ist verderblicher, nichts für eine Kirche gefahrbringender, als der Eintritt eines so verschiedenartigen Elements. Sccten, Unterwühlung des Fundaments find die ficheren Folgen, wenn nicht nebenbei die pictistische Uebertreibung, in welcher sich Renegaten in dem neuen Glauben so oft gefallen, zu heilloser Uebertreibung beiträgt. Wie Dem auch sei, wir wünschen dem regierenden Kaiser, wenn er so die Wege der Duldung und Gerechtigkeit gegen alle seine Untcrthanen, welche die göttliche Vorsehung in verschiedenen Religionen geboren und erzogen werden ließ, wandelt, alles Heil, insonders bald das Heil des Friedens! Ja, Gott befestige Ihn auf seinem Throne, und in Ihm die Ueberzcugung, daß ein Herrscher alle seine Untcrthanen zu Einem Staate in wahrhafter Treue und Hingebung nicht durch Glaubenszwang für Eine Kirche, sondern durch Recht und Duldung, gleichmäßig für Alle und an Allen geübt, vereinigt! Nebrr jüdische Toleranz. Vor einiger Zeit erschien von Stahl ein Vortrag „über christliche Toleranz" auch im Druck. Wir haben ihn nicht gelesen, denn man hat genug mit der Wirklichkeit zu kämpfen, um noch viel auf theoretische Conseguenzmacherei zu geben, auf Sophismen zu blicken, durch welche, wie Jcsaias sagt. Finsterniß gemacht wird zu Licht, und Licht zu Finsterniß (5, 20.). Wir sahen nur, daß christliche Redactionen, wie the Christian Times, die Vossischc Zeitung u. A. gegen die Definitionen und Auffassungen des Herrn Stahl und Consorten protestiren. Jndeß fiel uns bei diesen Protestationen Zwiefaches auf. Zuerst die wiederholt gemachte Bemerkung, welch ein Unglück Proselyten für eine Confcsfion sind! Die verschiedenen Kirchen rühmen sich, wenn etwelche Juden zu ihnen übertreten, während, wenn fie scharfsichtig oder offenherzig wä-