Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1855)
- Date
- 1855-07-23
- Page
- Seite 381 (sequence 3)
- Language
- German
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381 Wie das große Reich des Weltalls all' die Götter weis regieren. Die es nach geheimen Rathschlnß der verborgnen Moren*) führen, Bis dereinst nach der Ananke**) unerbittlichem Befehle Alles Seiende vergehet, und das Nichts thront an der Stelle. „Drum, ihr Menschen, wandelt surchtig, daß nicht;u der Moren Willen Noch die Götter feindlich fügen Unheil, ihren Haß zu stillen, Sondern eines Gottes Liebe Euch auf des Geschickes Pfeile In des Herzens tiefe Wunden Balsam einzuträufeln eile!" Alles lauscht noch — da erhebt sich Einer von Jäon's Söhnen Und beginnt mit raschem Worte, um den Mund ein giftig Höhnen: „Ja, Dein Wort hat es gesprochen, doch Dein Sinn ist's nicht gewesen: Nur die eherne Ananke ist die Mutier aller Wesen; Denn das Werden und Vergehen aller Dinge ist nothwendig. Was Du Gott nennst, ist die Kraft nur, die in jedem Ding beständig, Alles muß was es vollführet, weil es sonst dies niemals Drum find Eure Götterwcsen für das Volk nur eine Bürde." Alles schweiget — da erhebt sich ein Sikülcr wohl behende: „Lieber, Deine rasche Rede in das Gegentheil ich wende — Wenn nolhwendig alle Dinge, müßten fie von ewig sein. Müßten wandcllos bestehen aller Wesen lange Reih'n, Denn nothwendig kann nur Eins sein, und in einzigem Verhalten — Doch nun schau, wie mannichfalrig und wie regellos das Walten: Sieh, zweibeinig, rausendfüßiz, dieses zwei- und jen's sechsflüglig. Eins mit Schwanz, und jen's mit Flossen, Dieses eben, Andres hüglig, Hier die öde Fclsenwüüe, dort die prächt'ge Blumenflur — Zufall hat die Welt geschaffen, Zufall was ihr nennt Natur." — Setzt sich triumphirend nieder, als ein ernsthafter Italer Würdig anhebt: „Ist das Alles was Dein Einwand? Welch ein schaler! *) Schicksalsgöttinnen. **) Dir Nvthwendigkrit. Welcher Wechsel uns umgiebet, welche Mannichfaltig- Ordnung ist in allem Wandel, und ein Maß in allem Streiten. Wandeln Sonn' und Mond und Sterne immer dock denselben Lauf, Steigt nach Nacht der junge Morgen. Lenz nach starrem Winter auf; Niemals ward ein Greis geboren, sondern nach der Tage Zahl Reift die Frucht im Mutterschooße, reift am Baum im Schattenthal. Ja, die Zahl, fie ist die Göttin, die in» Dasein rief die Dinge, Dann, gezählct und gemessen, fie umschloß mir ew'zem Ringe." — Noch hat er nicht ganz vollendet, als ein Coer springt vom Sitze: „Wie? bin ich in Hellas' Gauen, oder wo des Helios Hitze Hüllt den Menschengeist in Nebel mit verworrnem, leerem Traum? Zufall, Zahl, Nothwendigkeit — ha, füllen fie mit Stoff den Raum? Können fie den Körper bilden, wie er ros'ger Schönheit blüht? Selbst Begriff nur, Leben schaffen, wie's in allen Adern glüht? Thvricht — laßt den Zweifel walten an der Götter Dasein kühn, Aber glaubt durch des Verstandes Spiele nicht befieget ihn!" — Dieser Rede schweigen Alle, bis ein dunkelfarbner Inder Langsam von dem Sitz erstehet: „Seid gegrüßt, Ihr Geistcrgründer! Wo mit heil'ger Welle strömet Indus durch die weiten Aloe und Lotos blühen in dem glühend goldnen Sande, Aus Gestrüpp der Tiger stürzet und die Schlange aus Gebüschen, Wo der Menschen urgetrennte Kasten nimmer fich vermischen — Allda fließt auch alter Weisheit heil'ge Strömung Well' um Welle. Und fie lehrt vom Reich des Jenseits, Brahm, das ewig rein und Helle, 30*