Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1855)
- Date
- 1855-07-16
- Page
- Seite 373 (sequence 7)
- Language
- German
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373 sich als ein wahrhaft vom Gesetze der Nächstenliebe durchdrungener bekundet, indem er überall Friedlichkeit, Versöhnlichkeit und Toleranz, nirgends dagegen Haß, Verachtung und Unduldsamkeit gegen den Widerpart aufweift. Nachdem die Leidenschaften (die übrigens dem vorherrschenden humanen Sinne zu Folge nie so plump und heftig als in anderen Orten an einandergerannt) sich allmälig abgekühlt, und jeder Theil in das ihm angemessene Geleise geleitet worden, find Alle, wie deutlich zu erkennen, lediglich darauf bedacht, in ihrem Kreise daS Ersprießliche zu fördern, und für Erbauung, Belehrung und Veredlung der Erwachsenen wie der Jugend in der jeglicher Richtung zusagenden Weise nach besten Kräften zu wirken. Diese Ueberzeugung gewinnt man eben so sehr im Gespräch mit Männern der gegenüberstehenden Parteien, als bei dem Besuche deS öffentlichen Gottesdienstes in den verschiedenen Bethäusern; aller Orten habe ich dieses Ziel als daS allein vorschwebende gefunden, nichts dagegen von hitzigem Widerstreben, nirgends Sucht nach Polemik oder gar Unterdrückung der Gegenpartei, und man verläßt, so abweichender Ansicht man auch, wie es bei mir der Fall, von den Meisten sein mag, jede dem Cultus geweihete Stätte und jeden irgend intelligente» Mann, mit dem man über religiöse Themata conserirt, mit dem erfreulichen Bewußtsein: hier ist reges, ernstes Streben nach wahrer Ueberzeugung und Verbreitung derselben, aber keine Schwärmerei, kein Fanatismus, welche, wie dies anderwärts leider noch so häufig angetroffen wird, die Fackel der Zwietracht und des Unheils in den Schooß der Gemeinde werfen, zu bitteren persönlichen Antipathien und Feindschaften führen, und die frischesten Kräfte nicht im Schaffen von Gutem, Bleibendem und Segensreichem, sondern im gegenseitigen Bekämpfen, Berpönen und Erdrücken aufreiden könnten. Die Berliner Gemeinde, das kann man deshalb mit größter Bestimmtheit behaupten, birgt ob dieser in ihr ausgeprägten Gesinnung den trefflichsten Keim eines zugleich aufgeklärten und eines religiösen JudenthumS in sich, das, wenn die Gegensätze sich ausgeglichen und an einander abgeschliffen haben werden, als lauteres Metall auS dem Schmelztiegel der Prüfung und Forschung sicherlich hervorgehen wird. Den mit ganzer Seele der väterlichen Religion Ergebenen und das Wohl ihrer Bekenner über alles Hochhaltenden kann darum kein Wunsch lebhafter beseelen, als der, daß, sowie der Geist der Aufklärung und Wissenschaftlichkeit sich seit den Zeiten Mendelssohns von Berlin auS nach allen Weltgegenden unter den Glaubensbrüdern verbreitet, also auch der Geist der Leutseligkeit und Duldsamkeit sich überall wie dort zum herrschenden erheben möge, und Jeder, der nach dem Namen Israels sich nennt, nur durch klaren, ruhigen Ideenaustausch und redliches Streben für Wahrheit und Erkenntniß, nicht aber durch leidenschaftlichen Antagonismus, bittere Reden und gehässige Handlungen für seine Ueberzeugung und seine Partei zu wirken bemüht sei. Haben wir Juden ja doch noch gar zu vielfache Veranlassung, unsere Kräfte zusammenzuhalten und nicht zu zersplittern, damit wir den noch immer sehr rüstigen und zahlreichen Gegnern draußen, denen jeder Schritt, welchen wir in religiöser, politischer und socialer Beziehung nach vorwärts thun, ein Dorn im Auge, jeder Schritt rückwärts eine HerzenSfteude ist, wie ein Mann gegenüberstehen, und trotz aller schlimmen Insinuationen, die uns gemacht, unerachtet aller Beschränkungen, die unS auferlegt, aller Hemmnisse, die uns in den Weg gestellt werden, endlich und in nicht weiter Ferne nach allen genannten Richtungen hin der Sieg unser werde, und zwar unS zu Theil werde, weil wir ihn verdient, unS seiner durch unbestreitbare Vorzüge im Thun und Lassen, in Bestrebungen und Leistungen würdig gemacht haben. — Um Mißdeutungen zu begegnen, will ich schließlich ausdrücklich bemerken, daß im Einzelnen gar zahlreiche Ausnahmen von dem im Obigen über die jüdische Gemeinde Berlins Gesagten sich finden mögen und ohne Zweifel finden; dies alterirt aber selbstverständlich das ausgesprochene allgemeine Urtheil durchaus nicht, da jene Stimmen vor dem besseren, daS Ganze bewegenden Sinne verstummen müssen, und kein Boden ihnen geboten ist, in den sie die Saat des UnftiedenS und der Feindseligkeit einzupflanzen im Stande wären. Dr. M. Stern. Aus Masuren, 28. Mai. (Privatmitth.) Vor ungefähr fünfzig Jahren durften hier noch keine Juden wohnen; jetzt dagegen ist kaum ein Städtchen zu finden, wo sich nicht schon eine Gemeinde gebildet hat, ja selbst auf dem Lande findet man schon viele Familien. Jede Gemeinde hat ihren Beamten, welcher alle zum Ritus gehörende Functionen versehen muß. ■nm soll sieben Namen gehabt haben. Der