Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1855)
- Date
- 1855-06-25
- Page
- Seite 329 (sequence 3)
- Language
- German
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itfit sie unS viel einfacher, viel regelmäßiger denken. Dieser unendlich mannichfaltige Organismus unsres Sonnensystems, wo die verschiedenartigsten Bahnen bis zu den ertravaganten der Kometen, die verschiedenartigsten Stoffvertheilungen, Größen, Dichtigkeiten, und hieraus wieder die unabsehbar verschiedenartigsten Schöpfungsverhaltnisse stattfinden — er könnte nach regelmäßigen, einförmigen, symmetrischen Verhältnissen angelegt sein. Daß warum eS nicht so ist, können wir unS leicht erklären: von der Mannichfaltigkeit der Weltkörper und ihrer Verhältnisse hängt die Mannichfaltigkeit der Geschöpfe ab, und Mannichfaltigkcit ist ein unendlich höherer Grad als Einförmigkeit. Genug, daß die Beschaffenheit der Welt und der Geschöpfe ganz anders möglich war, daß selbst wir Menschen mit unsrer beschränkten Erfahrung und unsrer an diese Erfahrung gebundenen Phantasie uns jene mannichfach anders denken und construiren können, so daß hieraus hcrvorgcht: daß die Welt nicht durch eine unbedingte Nothwendigkeit, sondern, da sie zugleich überall Zweck und Einheit ausweiset, nach freier Wahl und Bestimmung eines überlegenden, schaffenden Wesens wurde und ist. ES gicbt nur drei Fälle: entweder Zufälligkeit, oder Nothwendigkeit, oder freie Wahl und Bestimmung eines überlegenden Wesens. Da nun die Welt weder durch die erste werden konnte, noch durch die zweite thatsächlich geworden, ist nur der dritte Fall möglich und wirklich.... Wenn Dir dies einmal nicht genügend einleuchten sollte, Bewohner der wciren Ebene, die fich in unübersehbarer Ferne dahin erstreckt, so zieh' in die Berge hinein, und fieh Dir dort die bunte Welt der Formen und Stoffe an, welche daS Gesetz der Civilisation noch nicht zu gleichmäßigen, einförmigen mathematischen Figuren zerschneiden konnte.... Meraturbericht. VI. Immer daS Auge auf die frische, lebenblühende Gegenwart gerichtet, darf dennoch die Aufmerksamkeit deS Berichterstatters niemals von den Werken des AlterthumS, von den Denkmälern der Geschichte abgewendet sein. Denn ganz besonders im Judenthume steht die Gegenwart fest gegründet auf der langen Vergangenheit, und zieht aus dieser immer neue Nahrungssäfte, die sie zu neuen Blüthen und Früchten verwendet. Wir berichten heute über einen Fund, an den wir aber, bevor wir darauf eingehen, gleich eine allgemeine Bemerkung knüpfen. ES giebt allerdings Leute, die auf die naiveste Weise vergessen, vergessen wollen und vergessen machen wollen, welch eine Masse von Aberglauben das mittelalterliche Judenthum in fich ausgenommen, und von welchem auch der Talmud nicht frei ist, (vergl. Brecher, das Transcendentale im Talmud. Wie», 1850, auS dem wir in diesen Blättern und im „jüdischen VolkSblatt" Auszüge gegeben;) von welcher Masse von Aberglauben die neueste Zeit das Judenthum gereinigt hat, immerfort reinigt und reinigen muß. Glücklicherweise läßt eS fich Nachweisen, daß all dieser Aberglaube immer von außen gekommen ist — aber nichts desto weniger war er darin und wucherte mit vieler Ueppigkeit. DaS Folgende wird hieran wieder erinnern. DaS jüngste Heft der Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft enthält einen sehr schätzbaren Artikel „über die von Layard aufgeftmdenen chaldäischen Inschriften auf Topfgefäßen. Von vr. M. A. Levy in BreSlau.^ Der Verfasser beginnt: „Die Ausgrabungen neuerer Zeit in den Stätten, die mit den Schicksalen der Juden in so inniger Beziehung standen, Botta'S und Layard'S Entdeckungen im Lande des ErilS haben das Interesse aller Gebildeten in hohem Grade in Anspruch genommen. Die auSgegrabencn Schätze find zum Thcil in den Museen zu London und Paris niedergelcgt, zahlreiche Beschreibungen und Abbildungen haben fie weitern Kreisen zugänglich gemacht und in gespannter Erwartung steht man ferneren Entdeckungen entgegen. Vor Allem wurden durch jene Ausgrabungen, die im Jahre 1843 ihren Anfang genommen, GeschichtS- und AltcrthumSwisscnschaft und besonders die Sprachforschung bereichert. Die letztere hat, zumal im Gebiete des Indo-Germanismus, große Eroberungen gemacht, seitdem man mit Sicherheit die alrperfische Keilschrift entziffert har, und auch den SemitiSmuS erwartet vielleicht eine erhebliche Bereicherung, wenn eS gelingt, die dritte Art der Keilschriften, die sogenannren chaldäischen, mit größerer Zuverlässigkeit zu cnträthseln, wozu in der letzten Zeit die Forschungen Oppert'S Hoffnung zu geben scheinen. Ueberhaupt steigert fich diese, seitdem man die Gegenden des alten Babylon gründlicher zu erforschen anfängt. In der That ist es bereits Männern, wie Fresnel und Oppert, die an der Spitze einer von der französischen Regierung dahin gesandten, leider schon wieder abberufenen Expedition standen, gelungen, die Ringmauern Babylon's und den Ort, wo der Belus- 26*