Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1855)
- Date
- 1855-06-25
- Page
- Seite 328 (sequence 2)
- Language
- German
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daS Wasser staut sich, trifft auf eine niedere Höhe und überschwemmt daS umliegende Land, wühlt sich ein anderes Bett mit ganz anderm Laufe.... Nun, Gestein und Wasser stürzen und wirken einzeln lediglich nach ihrem Gesetze, also nothwendig; aber das Zusammentreffen in den Ursachen dieser Wirkungen ist lediglich „Fügung", durchaus nicht nothwendig, eS könnte ganz anders, eS könnte tausendmal anders fein. Der Spielraum dieser „Fügung" ist aber unendlich groß; die ganze Oberfläche der Erde erscheint als Wirkung solcher Fügungsursachen; ja, wir erkennen alsbald: daß, wo bestimmte Gesetze in unbedingterNothwendigkeit walten, Alles völlig gleichmäßig vor sich gehen muß, daß aber überall, wo Unregelmäßigkeit und Ungleichförmigkeit vorhanden, Fügungsursachen rhätig gewesen sein müssen. Sobald ein Krystall eine unregelmäßige Gestalt zeigt, ist die Abweichung zwar nach Naturgesetzen, aber durch die Einwirkung von anderen Fügungsursachen geschehen, z. B. einer Ursache schnellerer Abkühlung an dieser Stelle. Die Bahn der Kometen läßt sich nie ganz genau berechnen, weil sie durch eine größere Nähe eines bedeutenden Planeten, in die sie gerade gerathen, von der eigentlichen Bahn etwas abgezogen werden, woran sich nun eine ganze Reihe zukünftiger Abweichungen knüpft, und diese müssen auf die allmählige Verdichtung dieses Gaskörpers, denn das ist der Komet, also auf die Stoffmasse und Gestalt dieser zukünftigen Erde einen großen Einfluß üben. Man denke also, was Alles auS dieser einen Fügung, daß der Zeit nach der Komet in größere Nähe bei einem gerade in diesem Theile seiner Bahn sich befindenden Planeten vorüberging, unabsehbar erfließt. Mit vollem Rechte müssen wir daher, waS wir zuerst von der Oberfläche der Erde sagten, auch auf unser ganzes Sonnensystem anwenden. Alles läuft und geschieht in ihm nach dem Naturgesetz, also nothwendig; daß aber die Beschaffenheit des Sonnensystems diese und keine andre ist, ging aus dem Zusammentreffen vieler Umstände hervor, welche an sich durchaus nicht unbedingt nothwendig waren, sondern auch ganz anders hätten sein können. Glücklicherweise haben wir für alles Dies einen bestimmten Anhaltpunkt. Man hat sich im Alterthum viel über die Ewigkeit der „Welt", wie sie ist, gestritten. Wir streiten darüber nicht mehr. Die „Welt" ist in beständiger Veränderung im Kleinen und Großen begriffen; eS werden und vergehen immerfort Weltkörper; nichts Geschaffenes ist dauernd. Für unsre Erde giebt es hierfür besondere Data. Jedermann weiß, daß sowohl auS der Pflanzenals aus der Thierwelt Reste früherer Zeiten in großer Masse vorhanden sind. Obgleich die früheren Pflanzen und Thiere den jetzigen ähnlich (analog) waren, dasselbe Princip der Organisation damals wie jetzt vorwaltete, so sind sie doch an Maßen und Gestalt ungeheuer verschieden, an Charakter ganz anders. Die vorfluthlichen Thiere und Pflanzen haben Größenverhältniffe, welche jetzt gar nicht mehr eristiren könnten, ohne die ganze Oekonomie der Erde zu gefährden; unsere Elephanten waren damals Schovßhündchen, unsere Cedern Grashalme. Da wir aber diese Thierreste noch jetzt in Menge haben, sogar mit Weichtheilen aus dem geftornen Boden Sibiriens zu Tage kamen, und die Pflanzenwelt jener Zeiten versteint im Schooße der Erde ruht; so ist nicht an einen allmähligen Uebergang von damals zu jetzt zu denken — sondern die damalige Welt nahm ein plötzliches Ende, und die jetzige entstand. Es fand also nothwendig ein Schöpfrmgsatt der jetzigen Pflanzen- und Thierwelt statt. Wir haben hier keine Schöpfung nach Belieben sä iokaituw zurückzudatiren, sondern ein ganz bestimmtes Datum einer Schöpfung, wobei es natürlich auf die Jahreszahl und die Zahl der Jahre gar nicht ankommt. Nun — wer will diese neue, jetzige Pflanzen- und Thierwclt als eine Schöpfung der unbedingten Nothwendigkeit ausgeben?... Hier im Sande kriechen zu meinen Füßen ein Käfer mit braunen Flügeldecken und Schilden, ein Käfer mit goldgrünen, und daneben einer mit ganz schwarzen... natürlich alle drei mit noch vielen Verschiedenheiten. Es konnte bei der Schöpfung der drei Käfer keine unbedingte „Nothwendigkeit" sie so und nicht anders schaffen, sondern eS war eine „Fügung", daß die Säfte in dem einen Käfer sich so mischten, daß die braune, in dem andern die goldgrüne, in dem dritten die schwarze Farbe sichtbar ward; das Naturgesetz, also Nothwendige, liegt nur darin, daß eine gewisse Mischung auch eine gewisse Farbe hervorbringt. Kein complicirter Organismus kann durch bloße Nothwendigkeit zusammengeeignet sein, gerade weil er zuletzt doch nur aus denselben Grundstoffen besteht, wie die nur formell aneinanderlagernden Theile des Anorganischen — sondern hier find dieselben Grundstoffe so zusammengefügt, daß sie ineinandergreifende Organe, befähigt zu höheren Lebensprocessen, wurden. Ueberhaupt ist es falsch, sich einzubilden, die Welt könnte nicht anders sein, als sie ist, als wir wahrnehmen. Wir können sie uns ganz anders denken, wir kön-