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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-06-11 · Heft 24 (11.6.1855) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 24 (11.6.1855)
Date
1855-06-11
Page
Seite 310 (sequence 8)
Language
German
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310 mit Entzücken sprechend, unS in Entzücken versetzen. Da ich ihn aber vor dem Altäre sich nur hin und her bewegen sah, bald nach dieser, bald nach jener Seite sich wendend, sich wie jeder andere Priester geberdend und murmelnd, da u. s. w." Auch ich dachte nämlich: da ist nun der Mann, der mit seinem System sich einer jüdischen DistrictSgemeinde hat octroyiren lassen*), der tritt nun aus und proclamirt: „man — nämlich wohl die jüdische Welt — sei nun aus seinem Rausche erwacht und schaue mit ernüchtertem Blicke rückwärts, nicht auf das nahe Gestern, sondern auf daS uralte Ehegestern"**). „Die Geschichte Thora'S zeige jetzt die Laster und Gebrechen VeS ganzen Zeitalters u. s. w." Dieser, mit seinem bekannten Systeme der Religionspolizei, redet jetzt zu dem ganzen Publikum. Von ihm erwartete ich die Enthüllung des bewundernswürdigen Aufrisses zu dem titanischen Gebäude deS rabbinischen Gesetzes, dieser unausgesetzten, Zeiten und Räume überragenden Beschwörung deS Allmächtigen zur Erlösung der ganzen Menschheit durch Israel, ich erwartete die Eraltation deS ganzen irdischen Lebens auf einen Punkt, wo alle niedern Entbehrungen und Zurücksetzungen bis zum Lächerlichen unbedeutend erscheinen, ich erwartete majestätische lebenSbalsamische Worte aus dem reichen gileadischen Schatze der alten tiefsinnigen Herzstärkungen Israels, ich erwartete eine begeisterte Verdolmetschung und Paraphrase jener geheiligten GebetSformeln und Gedichte, deS Ausflusses des innersten Lebens eines jederzeit zum Opfertode geschmückten Volkes. Und endlich erwartete ich einen wohlberechtigten, kräftigen, muthbeseelten, hinreißenden Ausfall gegen unS Alle, die wir nicht in solcher Atmosphäre leben können, leben mögen-und waS fand ich? Den allergewöhnlichsten Prediger-Trödel, der jedem Dorfschulmeister jederzeit zu Gebote steht, seitdem Salomon'S, Kley'S, Mannheimer'- und Pleßner'S u. dgl. Predigten für wenige Groschen zu haben find. „Der Vorhof Chazer entspricht dem Leben mit der Welt, daS Heilig¬ *) Die Regierung handelte dabei formell ganz in dem ihr von den Juden selbst 12 Jahre früher, freilich in anderer Absicht, leider eingeräumten Rechte. Corresp. **) i»« r:22n mis bra! Dies ist, mit Erlaubniß, ein ganz moderner Germanismus; denn in der Bibel ist das biTsn mit dem ütoVö ganz gleichberechtigt. Corresp. thum Hechal dem Leben in der Familie, daS Allerheiligste dem innern GemüthSleben!" „DaS Blau des Vorhangs (wenn nämlich nb=>n wirklich blau heißt) ist die Treue, die Purpurfarbe (wenn nämlich 17221« wirklich Purpur heißt, und wenn der Purpur der Alten wirklich unser heutiges coguelieot ist) bedeutet (heraldisch, also in Schwerin wohl auch biblisch) den alles beglänzenden Menschenadel, und daS belle Carmoisinroth (wenn nämlich -2« nybin wirklich so zu übersetzen ist) bedeutet die Lebenskraft, getragen im Schoße des funkelnd dahinrollenden Blutes" (ipsissims verds), und so fort bis zum Vergleich deS Menschenlebens mit wurmstichigem Holze und ähnlichen eben so geschmackvollen und zutreffenden Bildern und Symbolifirungen. „Und darum Räuber und Mörder!" sagt Carl Moor. Solch eine Kraft will auf eigene Hand, ohne weitere Stütze als die von einigen Landdragonern, eine tridentinifche Gegenreformation durchführen! Ja, sie fängt mit dem Anathema über die Ketzer an, mit dem jene doch erst geendet hat! Zu bewundern ist bei Alledem die grenzenlose Verblendung, die doch nicht ganz erheuchelt sein kann. Auf die Siege der KaloyerS, der Jesuiten und der Kreuzritter stolz sein und sie sich selbst mit zueignen, wenn man gleich jenem Breslauer Rabbi zum Erzbischof sagen mag: wir Beiden find ja eigentlich nur Eins — nun, das wäre an sich allenfalls erklärlich, wenn nicht alle diese Herren in ihren nächsten Kreisen, bei ihren Blutsverwandten und Zöglingen Beweise ihrer Niederlage fänden, wenn nicht ihre Schriften Ladenhüter blieben, während z. B. das Publikum mehr als 40,000 Thaler für daS Philippson'sche Bibelwerk gezahlt hat, und wenn eS nicht klar am Tage läge, daß daS, waS sie von ihren Opponenten für Refpect halten, gar nichts Anderes ist, als bloßes Mitleid en! Aber so! Laupheim in Württemberg, 28. Mai. (Privatmitth.) So eben brachte der Telegraph die der ganzen Gemeinde zur Freude gereichende Kunde, daß der hiesige israelitische Gesangverein „Frohsinn" bei dem gestern in Ravensburg begonnenen schwäbischen Sängersest den ersten ländlichen Preis davon getragen hat. Der Verein ist der einzige in ganz Württemberg, der einzige unter den vielen jüdischen Vereinen Süddeutschlands, die am schwäbischen Sängerbundes-

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