Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1855)
- Date
- 1855-06-11
- Page
- Seite 308 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Dennoch, gestehen wir offen, halten wir dieses nene Werk Kompert's für — kein glückliches. Wir können uns wohl denken, daß es in Oesterreich große Sensation erregt, daß es da viele Lebenswirklichkeit trifft, so viel Mitgefühl, Mitfreuden und Mitleiden weckt. Wir in Norddeutschland stehen diesen Kreisen fern. In Norddeutschland ist überhaupt die Trennung der städtischen Industrie und der bäuerlichen Landwirthschaft viel schroffer, und nicht blos der städtische Jude, sondern auch der städtische Christ verspürt wenig Lust, Bauer zu werden. Die statistischen Tabellen zeigen, daß der Zuzug in die Städte von Seiten des Landes ungeheuer ist, während umgekehrt er sich aufs Minimum reducirt. Diejenigen Juden aber, die in Ackerstädten wohnen, haben in Preußen z. B. schon ein halbes Jahrhundert die Freiheit, Landwirthschaft zu treiben, daß fie darin einem Conflicte nicht mehr begegnen. In Posen, Schlesien, Westphalen giebt es auch bereits sehr viele, wie auch in Württemberg u. s. w. Aber abgesehen von diesem Allen, sinden wir den Stoff nicht glücklich gewählt. Wer kann dafür, daß die Beschreibung eines Lüstern Regentages, und wenn fie noch so fein Lurchfühlt und so wahr detaillirt ist, nicht angenehm, nicht wohlthuend ist? wenn fie in der ermüdenden Einerleiheit der Erscheinungen, in der beständigen Wiederkehr derselben Regenwolken und Nebelschleier abstößt? Der Kampf in dem Herzen eines Weibes, das am Kleinlichen hängt, während ihm das Große verborgen ist, das an Geberde, Wort und unbedeutendem Brauche klebt, und sich damit abguält, während jeder überschauende Blick ihm mangelt, die täglichen Rirereicn, Las Wiederkäuen eines verbitterten Gemüthes — fie geben weder ein liebliches, noch ein erhebendes Bild, fie find weder die klare, murmelnde Quelle, die durch die grünen Auen sich schlängelt, noch der gewaltige, brausende Strom, der Völker in ihrem Kampf und ihrem Frieden verbindet und Hunderte von Schiffen tragt und Hunderte von Mühlwerken tteibt, sondern ein träge hinschleichendcs Bruchwaffer, das nur bisweilen durch ein höher gelegenes, desto blumen- und grasreicheres Flurstück schneidet. Es ist merkwürdig: Kompert ist ein so durchaus treuer und feinfühlender Seelenmaler, und kennt jüdische Art und jüdischen Charakter sehr genau — und dennoch leiden seine Dichtungen an mancherlei Gemachtem und Gezwungenem. So scheinen uns, während Reb Schlome, Nachime, Anschcl, Tille und Vetter Koppel höchst getroffene Figuren find, Elich der Bocher, der Knecht Wojtech und die Richterstochter höchst gezwungen und peinlich; während die Hauptfituation zwischen Mann, Frau und Sohn eine völlig natürliche und allzu wahre ist, ist alles Beiwerk, das zwischen Elieh, Wojtech und jenem Mädchen vorgeht, sehr gemacht und unnatürlich. Die liebenswürdigste, durch und durch erfteuliche und sehr gelungene Gestalt ist der gemüthsweiche und doch an Willen und Thatkraft reiche und seiner Absichten bewußte Anschel. So haben wir unsere Meinung nach allen Seiten unumwunden ausgesprochen, und hoffen dem liebenswürdigen Verfasser noch recht oft zu begegnen, welchem wir über die Berge, an deren Fuß wir fitzen, einen he^lichen Gruß hinübersenden. Einem solchen „Literaturbericht" wird man eS Nachsehen, wenn er noch einige allgemeine Bemerkungen anknüpft. Die belletristischen Arbeiten auf dem Gebiete deS Judenthums, welche von Seiten der Juden so recht erst mit dieser Zeitung und den zuerst darin gegebenen „Marannen" anhoben, haben zumeist zum Gegenstände die socialen, religiösen und ethischen Conflicte, in welche Juden und Judcnthum durch die veränderten Verhältnisse gerathen. Die Schilderung dieser Conflicte und die jeweilige Lösung derselben in Sieg oder Niederlage füllet fie aus; es ist natürlich, daß bei den christlichen Autoren in der Regel das Judcnthum unterliegt, bei den jüdischen siegt. Nun giebt es allerdings noch eine Masse Schreibereien, welches ihr ganzes Interesse von den gegen die Juden verübten Unthaten ziehen und in recht krasser Schilderung derselben sich ergehen; diese ignoriren wir aber ganz. Wir müssen es Herrn Kompert zum Ruhme nachsagcn, daß er in seinem „am Pflug" eine ganz neue Seite dieses Conflictes, zwischen Ghetto und Dorf, zu finden und höchst charakteristisch darzustellen verstanden. Dennoch behagt uns dieses beständige Bearbeiten dieses so mannichfaltigen, aber in der Tiefe doch nur einheitlichen Conflictes nicht ganz und nicht mehr. Wir wollen auch in der Dichtung das Judcnthum in seiner Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erblicken. Seine reiche Geschichte und sein reicher Inhalt bieten eine Fülle von selbsteigenem Leben, das sich aus sich selbst entwickelt und in seinen eigenen Grenzen zur reinsten Tragik und zur erhabensten Harmonie aufsteigt. Wir haben bei unseren (theils ohne Namensunterschrift, theils als „Ludwig Schraggc" gegebenen) Arbeiten dies stets verfolgt. Unser „Flüchtling aus Jerusalem", „Hispanien und Jerusalem", „Förderung und Hemmniß", „die letzte Hasmonäerin", „das jüdische Herz", „die Geschichte eines Pilgers", „die drei Brüder" rc. rc. theils in dieser Zei-