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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-06-11 · Heft 24 (11.6.1855) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 24 (11.6.1855)
Date
1855-06-11
Page
Seite 307 (sequence 5)
Language
German
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307 Von den Kindern will der eine Sohn mit ganzer Seele Bauer werden, der andre, ein „Bocher", thut nichts als „lernen", das Mädchen ist ein köstliches, junges Ding, dem jede Veränderung zusagt. So steht die Mutter isolirt und lehnt sich mit verbittertem Gemüth gegen Alles auf, was geschieht. So trifft unser oben gegebenes Bild zu, denn nach kurzeul Sonnenblick giebt es einen trüben, düstern Regentag. Die Dichtung zeigt nun, wie der Kampf in „Nachime's" Haus und Her; ausgefochten ward. Erst spät und nach großem Herzeleid söhnt sie sich mit ihrer Stellung und den Ihrigen aus, und die nach kurzem Befiegtsein schnell wiedergekehrten Nebel lösen sich nach einem ganzen Regentage zu einem glänzenden Abend auf. Kompert hat hiermit einen kulturhistorischen Moment auS der jüngsten Geschichte herausgenommen. In „Reb Schlome" ist der Len Juden mit außerordentlicher Anziehungskraft drängende Trieb, sich in socialer Beziehung dem Volke anzuschließen und festen Grund zu fassen dargestellt, in „Nachime" die nicht minder starke Anhänglichkeit an bisherige Sitte, Brauch und Lebensart; der daraus entstehende Kampf entscheidet sich für erster»; Kompert zeigt, daß der „Jüd" wohl „Bauer" werden könne, ohne im Wesentlichen seiner Religion abtrünnig zu werden, wenn er natürlich auch Vieles von einzelnem, altem Brauch drauf geben und das Gesetz etwas geschmeidig machen muß; und daß er es auch will. Aber auch da trifft unser Gleichniß zu; denn daß „Reb Schlome" Bauer werden darf, ist nur ein kurzer Sonnenblick, die Nebel kehren schnell zurück, um erst auf den fieggekrönten Abend warten zu lassen: das Recht, auf eigenem Grund und Boden zu fitzen, ist provisorisch wieder aufgehoben, und steht die Herstellung der ungeschmälerten Befitzsähigkeit erst noch zu erwarten. — Wenn uns eine Dichtung zur Beurtheilung vorliegt, so ist es unsre Weise, das Detail nicht mitzutheilen, und zwar um so weniger, je werthvoller das Werk ist. Wir wollen vielmehr den Leser reizen, das Buch selbst zu lesen. Sprechen wir uns daher nur im Allgemeinen aus, und zwar zunächst über den Dichter selbst. Die Leser der ftüheren Jahrgänge dieser Zeiwng werden sich erinnern, welchen ftischen Lorbeerkranz auch wir dem jungen Kompert wanden, als sein „Aus dem Ghetto" erschien. Kompert ist sich treu geblieben. Er hat die Judenheit nicht als den Stecken betrachtet, an dem er nur gehen lerne, sondern unbeirrt wandelt er den Weg weiter, den er eingeschlagen. Dafür Ehre ihm! Dies ist es, wohin wir noch kommen müssen, daß Dichter und Künstler nicht glauben, an jüdischen Stoffen sich bloS die Kinderschuhe austreten zu wollen, sondern daß, wenn auch nicht ausschließlich, sie doch auch die Kraft des Mannes daran setzen. Großes aus jüdischem Boden zu erziehen und zu schaffen. Ihm ist das Judenthum nicht das verlorene Kind, welches er drauf giebt und fahren läßt, um das „Leben" zu erobern, sondern, wenn er es in seinem Conflicte mit dem „Leben" darstellt, so läßt er es doch siegreich aus demselben hervorgehen, wenn auch nicht ohne eben auftugeben, was nicht zu halten, und was im Grunde genommen — auch nicht deS Festhaltens wcrth ist. Des Letzter» giebt es ja — trotz der Neuorthod orte — genug im „alten" Judenthume, im „Gestern" und „Ehegestern" des Judenthums. Wenn wir vorher sagten, daß Kompert einen culturhistorischen Moment ergriffen und einen, an sich abstracren Satz durchgeführt hat: so gereicht eS ihm um so mehr zum Lobe, daß er dies mit keiner Sylbe verräth. Aus einer einzigen Prämisse, der Unruhe, welche die Juden im Ghetto bei der Proclamation der Befitzsähigkeit ergriff, dieselbe zu benutzen, erhebt sich die Dichtung so einfach und naturgemäß, daß eben Alles daran Thatsache ist, fern von aller Reflerion. Das Ganze ist übrigens eigentlich psychologisches Gemälde. Der Kampf in „Nachime's" Herzen zwischen der süßen Gewohnheit im „Gcwölb" und in der „Kehilla" und dem neuen, ihr verächtlichen und ftemdartigen Dasein als „Bäuer", ferner zwischen dem beleidigten, nach 25jährigem Gehorsam zur Selbstständigkeit erwachten und dem liebenden, demüthigen und treu mitarbeitenden Weibe, ist der Hauptgegenstand des Buches, alles Andere Beiwerk, mehr oder weniger zur Oekonomie der Dichtung und zur Vollständigkeit des Gemäldes nothwendig. Dieser Kampf spinnt sich daher sehr weit aus, wird bis in die kleinsten Verästelungen der Gefühle, Motive und Wirkungen verfolgt, immer wieder in seinen Quellen aufgesucht und in seinen Ausläufen nachgewiescn. Kompert versteht es hier, sich ganz in die Wesen seiner Schöpfting zu versenken, und mit einer bewunderungswürdigen Feinheit alle Nüancen des erregten Gemüthes zu beleuchten. Fügen wir nun noch hinzu, daß ihm eine herrliche Sprache zu Gebote steht, daß die Farbengebung im Detail eine reiche, voller Schmelz und Lebhaftigkeit ist, bisweilen nicht ganz correct und zu schillernd. Besonders weiß er die jüdische Sprechweise ohne die geringste „Mauschelei" zu charakrerifiren, er vermeidet sogar möglichst die hebräischen termini technici, und thut weile daran.

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