Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1855)
- Date
- 1855-06-11
- Page
- Seite 306 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Scheu tadelt, so wird dieses bald all seinen Credit verlieren. Und nun schlage man die Jahrgänge dieser Zeitung nach: wie Viele verdankten ihr ihren ganzen Namen, wie Viele erwiesen sich undankbar, aber sie nahm keine Notiz davon, wie Vielen widerfuhr Gerechtigkeit, die gegen sie sehr ungerecht waren. Daß sie sich nicht dazu hergiebt, von Creaturen Lobhudeleien aus persönlichen Interessen auszufireuen, jede kleine Amtsthätigkeit in den Himmel zu erheben, und ehrgeizigen Köpfen zu dienen, die nur alle Zeit sich genannt wissen wollen, daß fie selbst denen gegenüber unabhängig bleibt, welche ihr gute Dienste geleistet, und von Menschen nichts wissen will, die nur sich im Auge haben — daS wird ihr der VorurtheilSlose nur hoch anrechnen. Zuletzt — find wir aber Alle Menschen, und Fehlgriffe bleiben nicht aus... WaS aber Meinungen, Anfichren, Parteirichtungen betrifft, ja, gegen diese waren wir stets parteiisch, sobald fie selbst maßlos ihre Grenzen überschritten, sobald fie fich anmaßten, das Judenthum beherrschen zu wollen, sobald fie verdrängen, beseitigen, unterdrücken wollten. Dann waren wir parteiisch gegen fie und wollten fie in Nichts anerkennen, ob fie Reform, ob fie orthodox, ob fie radical, ob fie conservativ fich nannten — so lange fie innerhalb ihres Kreises und Standpunktes verblieben und wirkten, haben wir ihnen stets Gerechtigkeit widerfahren lassen, haben wir ihren Eifer belobt, ihr Leben anerkannt — aber parteiisch, ganz parteiisch erhoben wir unS gegen fie, sobald fie die gewaltthätige Hand gegen die Brüder, die schänderische Faust gegen unser Heiligthum erhoben, sobald fie Hochmuth, Herrschaft, Druck, Gewalt in die Flur unsrer Religion bringen, sobald fie der fteien Lebensäußerung Zwang anthun wollten. Wir bekennen dies fteudig und voll Bewußtseins, und nun gehet hin, und nennet uns parteiisch — wir haben schon AergereS erlebt! Fiteralurbericht. V. An einem Frühlingsmorgen fitze ich in der auS einer Gruppe dichtbelaubter Bäume bestehenden Laube, offen nach der Morgenseite hin. Vor mir ein Rondel des ftischesten Rasens mit ovalen Blumenrabatten, deren knospenbedeckte Rosenstöcke so Wunderherrliches an Farbe und Dust verheißen. Aber darüber ragen mächtige, sormenreiche Berge gerade vor mir empor. Haganz ftüh waren fie in dichten Nebel gehüllt, daß man auch nicht das Geringste von ihrem Dasein verspürte. Vor einer Viertelstunde aber blitzte die Sonne hindurch, die Nebel wurden zu einer leichten Gaze, durch welche die waldgrünen Berge in weichen Umrissen mit unendlicher Anmuth erblickt wurden. Das Herz jauchzte auf — aber halt! der Kampf ist noch nicht vollendet: neue und stärkere Nebelmaffen drangen aus den Thälern herauf, die Berge find nach wenigen Minuten wieder gänzlich verdeckt, die Sonne verschwunden, kaum daß ein filbernschimmernder Kreis ihre Stelle an dem Himmel verräth, der schon in fiegreicher Bläue fich wölbte, und nun fich mit aschfarbenem Grau bekleiden lassen mußte; ein kühler Lufthauch durchbebt die Bäume. Ja, es ist Kampf da, und völlig unentschieden, wer fiegen werde. Wahrscheinlich ist eS, daß eS am Tage regnen wird, aber gewiß, daß es dann einen herrlichen Abend giebt. Und doch, harren wir.... Da ich mich nun von dieser entzückenden Beobachtung zurückwende zu dem Buche, welches ich in Händen habe, fällt eS mir auf, wie ein Aehnliches den Inhalt desselben ausmacht. Auch hier ein köstlicher FrühlingSmorgen, den die blitzende Sonne einen Augenblick verherrlicht, schneller aber, als man es gedacht, erheben fich neue Nebel, Kampf ist da, Alles ist verschleiert, und — wir müssen uns getrösten, daß ein schöner Abend für den trüben Tag entschädigen werde. Vor uns nämlich liegt Leopold Kompert's neuestes Werk: „Am Pflug. Eine Geschichte. Berlin, 1855. Zwei Bände." Der Kaiser hatte in der Verfassung alle Confesfionen in den bürgerlichen Rechten gleich gestellt. Die Ghettis der Juden waren somit geöffnet. Sie konnten fich ankaufen und anfiedeln, wo fie wollten. Eine große Unruhe bemächtigte fich ihrer. Viele wollten die erhaltene Freiheit benutzen, um — Bauern zu werden, da eS fie mit mächtiger Lust durchzuckte, ihr eigen gewonnenes Brot aus eigenem Felde zu essen. Eine Familie, welche die „Gaffe" und die „Kehilla" verläßt, wird uns vorgefiihrt. Aber eine Familie besteht auS verschiedenen Personen, und wenn noch so sehr Liebe und Ehrfurcht fie umschlingen, so können fie doch nichts dafür, wenn die Verschiedenheit der Naturen fie nach verschiedenen Richtungen treibt. Hierzu kommt, daß der Man« eine herrische Persönlichkett ist; er hat „Gewölb' und Geschäft" der- und ein Bauerngut angekaust, ohne seinem treuen und im Erwerb so hülfreichen Weibe ein Wort zu sagen, ihr, die mit allen Banden der Gewohnheit und Pietät an Gemeinde und Religion bis in ihre geringsten I Bräuche hinein hängt. So ist der Zwiespatt auSgesaet.