Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1855)
- Date
- 1855-06-04
- Page
- Seite 300 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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300 würdig ist. Herr Sulzer hat die meisten Melodien aus der alten Zeit beibehalten und hat sie künstlerisch geformt. Dabei find die Lieder auf einen einfachen Chor berechnet. Es dürfte dieses Werk in Betreff der Brauchbarkeit und Verwendung weit vorzuziehen fein gegen das „Schir Zion." — Von Löw in Szegedin ist nrisnn „Einleitung in die Geschichte Israels k." erschienen. Der Verfasser liefert darin sehr viel brauchbares Material und ist die Darstellung lebendig. Wie uns scheint, hat der Verfasser recht, wenn er selbst die Vorwürfe ausspricht „zu viel" und „zu wenig". Wir hätten gewünscht, daß der Verfasser länger bei den Materien und kürzer bei den Namen sich aufgehalten hätte, die in Massen, und zwar oft sehr unbedeutende, aufgezählt werden. Indessen hat daS Buch Lichtseiten, auf die wir noch zurückkommen werden. Kompert, „Aus dem Ghetto", ist ins Holländische übersetzt worden. Die Ausgabe ist viel schöner als die deutsche. Rußland. Warschau, im April. Nach einem Schreiben des C.-B. von der polnischen Grenze vom 14. d. M. ist neuerdings Juden, welche wegen Verbrechen nach Sibirien geschickt werden, gestattet, ihre Frauen und Kinder mitzunehmen. Zur Mitnahme unerwachsener * Kinder war früher der Consens der Gemeinde erforderlich, daS ist jetzt für nicht nothwendig erklärt worden. Dagegen wird den Männern verurtheilter jüdischer Frauen nicht gestattet, diesen in das Eril zu folgen. Dieses in Bezug auf die russischen Juden erlassene Decret wird auch in Polen Anwendung finden. —. In der neu befohlenen Aushebung (12 von 1000 Seelen) sind die Juden ausgenommen worden. Warum? sieht man leicht ein, da sie zu den früheren Aushebungen stellen mußten, was nur da war. Jndeß in Polen sollen sie doch auch diesmal stellen. Nordamerika. Cincinnati, im April. Die K. K. Benai Israel hat den Dr. Lilienthal in New-Dork zum Prediger mit 1500 Doll, gewählt, der „Tempel-Verein" in Philadelphia den Dr. Einhorn mit 1000 Doll. Gehalt. Literarische Nachrichten. Anö Mahren, 13. Mä^. Daß unter den gegenwärtigen kriegerischen und meist trübseligen Verhältnissen an eine raschere Entfaltung der jüdischen Literatur,, dieser zarten und jungen Pflanze, nicht zu denken ist, versteht sich fast von selbst. Der Jude und das Judenthum ist zu sehr bei der orientalischen Frage betheiligt, da aus der bisher kleinmeisterlich und einseitig behandelten Emancipationsdebatte eine Weltfrage, von der das künftige Geschick Europa's abhängt, hervorgegangen ist — und es fehlt ihm die nöthige Ruhe, die die Pflege der Wissenschaft erheischt. — Es ist fast seit einem Jahre, wenn man von der Vollendung des großen Bibelwerkes des Herrn Redacteurs dieser Zeitung abfieht, kein einziges neues bedeutendes Werk erschienen. Die Matadore der jüdischen Wissenschaft, die Herren Rapoport, Zunz, Luzzatto, Jost, Frankel, Sachs, Geiger re. re. scheinen jetzt zu feiern, und blos durch Edirung alter selten gewordener Werke und Manuscripte, durch Uebcrsetzungen und Schulschriften har die Literatur einen nicht unbedeutenden Zuwachs erhalten. — Die Verdienste des Herrn Predigers Jellinek in Leipzig find hierin allzubekannt, um erst darüber viele Worte zu verlieren, und es ist auch blos unsere Abficht, die literarischen Erscheinungen Oesterreichs zu skizziren. — Vor Allem verdient hier bemerkt zu werden der von S. Stern bei A. della Torre in Wien herausgegebene Commentar zumMischna- Tractat Aboth des R. Menachem b. Salomon Mein unter dem Titel: n^. Die Comrnentare und Novellen des Melri, der auch als Massoreth berühmt ist, zu den verschiedenen Tractaten des Talmuds, von denen viele noch ungedruckt und blos aus den Collectaneen des Schitta Mekubezeth bekannt find, gehören bekanntlich zu den klarsten und lichtvollsten, in denen überall Methode und System Lurchblicken, wie dies die kurzen Einleitungen am Anfänge des zu erklärenden Tractats zeigen. Ueberhaupt muß man beim Studium des Talmuds die meiste Aufmerksamkeit den Commentaren der spanischen Schule zuwenden, denen die Art und Weise des Pilpuls der deutschen und polnischen Schulen völlig unbekannt war. Vergeblich erklärten fich gegen die Auswüchse und Mißbräuche des Pilpuls, der allen wissenschaftlichen Geist unterdrückt, weil er aus jeder einzelnen Halacha ein endloses Studium macht und nie fer- I tig wird, die vorzüglichsten Talmudisten, wie R. JesaiaS Horowitz, R. Löb aus Prag, R. Chaim Jalr Bacharach,