Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1855)
- Date
- 1855-05-28
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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287 die neuesten Bewegungen im CultuS und in der Literatur zu besprechen, und um mit befriedigter Wißbegierde wieder in das stille Wirken seines bescheidenen KreiseS zurückzukehren, wo er sich freudig sagen konnte, daß er nicht mit der Zeit zurückgeblieben, sondern seine Kenntnisse und Studien mit der Wahrnehmung der neuesten Erscheinungen bereichert habe, und wie Andere von Zeit zu Zeit Erholungsreisen unternehmen, und erfrischt wieder an die Arbeit deS alltäglichen Lebens gehen, so hatte sich unser Gottschalk stets an einer solchen geistigen Pilgerreise erfrischt und mit dem Gewinne des Ideen-Austausches und der neuen Erfahrungen wieder eine Zeitlang seine Lectüre und seine Mittheilungen gewürzt. Ohne akademische Bildung hat er durch Fleiß und autidakt eS zu jenem Grade von Bildung gebracht, mit welchem begabte Köpfe in Verbindung mit einem menschenliebenden Herzen lehrreich und wirksam einen sittlichen Mittelpunkt finden, von dem aus sie ihrer Umgebung nützlich werden. Der fromme, gebildete und bescheidene Mann starb im 62. Lebensjahre, und daS zahlreiche Gefolge bei seinem Leichenbegängniß bewies, in welcher Achtung der Lebende gestanden hat. Seine Asche ruht in Frieden und sein Andenken noch lange in den Herzen Vieler dieser Stadt und Gegend! Nordamerika. Sau Francisco (Californien), im April. (Privatmitlh.) Auch hier hat der versolgungSsüchtige PietiSmuS, unter dessen Larve aber noch mehr der Neid und die Mißgunst stecken, seine Stimme zu erheben gesucht. Bei Gelegenheit der Frage, ob die Juden gehalten werden sollen, den Sonntag zu feiern, d. h. sich an demselben aller Arbeit zu enthalten, sprach in der gesetzgebenden Versammlung des Staates Californien der Abgeordnete Stowe von Santa Cruz County Folgendes: „Ich habe keine Sympathie mit den Juden, und würde, wenn eS in ckeiner Macht stände, dieselben nicht allein auS unserm County, sondern auch aus dem Staate hinausmaßregeln. Ich bin für eine so hohe Judensteuer, daß dieselben keine Geschäfte mehr treiben können. Der Grund republikanischer Institutionen ist der christliche Sabbath und die christliche Religion. Die Juden müssen sich der Majorität fügen. Sie find eine Menschenclasse, die nur Herkommen, um Geld zu machen, und daS Land verlassen, sobald sie Geld haben. Sie legen kein Geld an, und errichten keine der schönen Häuser, welche unsere Städte zieren. Sie hoffen alle dereinst, sich in ihrem Jerusalem niederzulassen. Die Bibel ist die Grundlage unserer Institutionen, und die Gesetzgebung muß deren Gebote unterstützen." Allgemeiner Unwille hat sich gegen diese Rede erhoben, der sich in folgendem Artikel der Californischen Zeitung aussprach, der die Mittheilung auch in Ihrer Zeitung verdient: „Soweit find wir also gekommen, daß solche Dinge öffentlich in den Hallen unserer Gesetzgebung gesagt werden können: „Die Btbel ist die Grundlage der Constitution in Amerika!" Wer hat denn dem Vertreter von Santa Cruz County, in dem ein Paar Winkelkaufleute sich durch jüdischen Fleiß verdrängt sehen, daS gesagt? Er gesteht im Eingang seiner Rede ja selbst zu, daß nur das Recht der Majorität dem Christen daS Vorrecht gebe und nicht die biblische Grundlage der Constitulion. Wenn also morgen die Mehrzahl unserer Staatsbürger Juden sind, so feiern wir den Samstag und bei einer türkischen Majorität den Freitag. Endlich ist diese Partei offen mit der Farbe herausgerückt, endlich hat sie offen erklärt, daß es ihr nicht um die Sabbathfeier allein, sondern um die religiöse Verfolgung zu thun ist. Also eine Judensteuer, wie im finsteren Mittelalter, wird in den Hallen der Gesetzgebung von Californien vorgeschlagen. Eine Judengasse wird folgen, in der man Nachts des h. römischen Reiches Kammerknechte hineinsperrt; die Verfolgung anderer christlicher Seelen wird folgen*). Californien, der jüngste Staat unserer Republik, hat die Schmach erleben müssen, solche Grundsätze zuerst in seinen Hallen vertheidigt zu sehen; hier hat man aus dem finsteren Grabe deS Mittelalters das Gespenst heraufbeschworen, welches bereits Europa mir Blut überschwemmt. „Weiß denn der Vertreter von Santa Cruz County nicht, wer unsere Juden sind? Wir wollen eS ihm sagen. Er schlage die Listen der großartigen Betrüger auf, welche in kurzer Zeit unser Land an den Bettelstab gebracht. Ist darunter ein Jude? Nicht ein einziger. Lauter fromme sabbathfeiernde Leute, die Kir- *) Dies bedünkt uns ein höchst wichtiger Satz! Redact. 22**